Zigarrenrauch

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Mein Opa rauchte gern Zigarren. Einmal fuhr er mit mir von Berlin nach Schlesien zu seiner ältesten Tochter. Die hatte dorthin geheiratet und wohnte nun in Sprottischdorf, einem winzigen Flecken in der Nähe von Sprottau. Das war im Sommer 1942 kurz vor meiner Einschulung. Ich war damals etwa sechseinhalb Jahre alt.

Mein Onkel bewirtschaftete in diesem kleinen Dorf mitten im tiefsten Schlesien, wo es damals noch keine befestigten Straßen gab, mit seiner Mutter eine kleine Bauerei, die er wohl nach dem Tod seines Vaters übernommen hatte. Wie und wo sich der Mann vom Lande und die Hauptstädterin kennen gelernt hatten, bleibt wohl für immer im Dunkeln, das ist auch völlig unwichtig.

Tante Dora war die älteste der vier Kinder meiner Großeltern, von denen zwei bereits verheiratet waren, als sie ihren Bauersmann heiratete. Da war sie wohl schon über 30 Jahre alt. Meine Tante bekam als ordentliche „Bauersfrau“ erst einmal ihre Kinder, die waren damals, als wir die Reise dort hin machten, schon 3 und 5 Jahre alt, beides Mädchen, leider war noch kein Stammhalter angekommen.

Dora arbeitete halbtags als Kontoristin in der Dorfmühle, aber bestimmt nicht, weil es sonst nicht gereicht hätte, sondern eher, weil sie sich als Städterin – sie war ja echte Berlinerin – nur bedingt auf dem Hof hätte nützlich machen können und soviel Arbeit gab es ja dort auch nicht. Der Onkel versorgte die kleine Bauerei, die gleich hinter dem Hof begann, allein und arbeitete ebenfalls in der Mühle gelegentlich als Mehlsackträger. Ich seh’ ihn noch mit weiß gepudertem Gesicht und einem Lederumhang auf der Schulter, auf der er die Mehlsäcke zum Verladen wegtrug und fuhr dann mit einen Lastkraftwagen das Mehl zu den Großabnehmern.

Nach Sprottau fuhren wir natürlich mit der Eisenbahn, es gab ja damals für lange Strecken kein anderes Verkehrsmittel. Wir fuhren in der 3. oder sogar der 4. Klasse. Das waren die Personenwagen, bei denen jedes Abteil zwei Türen jeweils auf der gegenüberliegenden Seite hatte. Und es gab keinen Gang, um auf die Toi zu gehen, die es in diesen Waggons wahrscheinlich auch gar nicht gab.

Die Reise ging über Sorau und Sagan nach Sprottau, wo wir aussteigen mussten. Irgendwie ging es dann weiter nach Sprottischdorf, ich weiß aber nicht mehr, ob wir laufen mussten oder abgeholt wurden.

Opa nahm natürlich ein Raucherabteil, um während der Fahrt seine geliebte Zigarre zu paffen. Er qualmte mit der Dampflok unseres Zuges regelrecht um die Wette. Qualm gab es also reichlich, sowohl draußen wie drinnen! Wir saßen – jedenfalls auf den letzten Kilometern unserer Halbtagesfahrt – allein in dem Abteil. Man konnte zwar nicht in ein anderes Abteil gehen, die einzelnen Abteile waren jedoch nur durch halbhohe Wände von einander getrennt.

Es muss wohl dort in jedem Abteil geraucht worden sein, jedenfalls hat da dann solch ein Mief gestanden, dass mir irgendwann schwarz vor Augen wurde und ich ohnmächtig umfiel!

Ich erholte mich zwar bald, aber das war ein Schock fürs Leben. Ich kann noch immer keinen Zigarrenrauch ab und habe nie in meinem Leben eine Zigarre geraucht. Ob Brasil, Cuba oder ‚Matratze’, ich habe noch heute eine starke Aversion gegen Zigarrenrauch.

Mein Opa erzählte diese Geschichte noch oft und dann auch sehr genüsslich, wenn er wieder mal mit einer dicken Zigarre ordentlich viel Rauch machen konnte. Wie gesagt, das passierte im Jahre 1942, da war er etwa 60 Jahre alt – und der Opa ist erst im gesegneten Alter von 83 Jahren gestorben – er hatte also viel Zeit, mich nachträglich immer wieder in Verlegenheit zu bringen!

aufgeschrieben am 19.01.2005

Über den Autor

Fritz Schukat

Jahrgang 1935
Prüfdienstleiter

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