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Blatt für Blatt – Zeitzeugen Quickborn

Blatt für Blatt

B

Ich bin ein Vielleser. In 82 Jahren ist da einiges zusammengekommen. Als ich noch nicht lesen konnte, fand ich es erstaunlich, wie aus den geheimnisvollen Zeichen Gegenständliches entstehen konnte. Ich konnte das nicht. Bilder konnte ich aber schon lesen. Ich sagte auch, was ich dort sah. Ich sah Autos, Bahnen, Busse, Flieger. Ich sah Menschen, große und kleine. Die Kleinen waren so groß wie ich und mussten brav sein. Das sagten die geheimnisvollen Zeichen, die unter den Bildern standen. Das gefiel mir nicht. Ich war froh, dass ich noch nicht lesen konnte. In der Schule lernte ich die Buchstaben dann kennen. Man nannte es das Alphabet. Ich schrieb sie auf eine Tafel. Mehrere Buchstaben ergaben ein Wort. Und ich lernte Wörter. Zu den Wörtern zeigte man mir die dazu passenden Bilder. Aus der Bildersprache wurde dadurch eine Buchstabensprache. Und die Buchstaben mussten etwas tun. Das sagte ich ihnen in kurzen Sätzen wie z.B.: Auto fährt, Pferd läuft, Kind weint. Es gab große und kleine Buchstaben, große und kleine Worte. Ein Wort wurde dann groß geschrieben, wenn man es vorher mit der, die, das ankündigte. Es hat lange gedauert, bis ich das begriffen hatte. Man schenkte mir Bücher, meistens waren es Märchenbücher oder Bücher über das Jesuskind. Ich mochte das Märchen „Von einem der auszog das Fürchten zu lernen“. Ich las es immer wieder und fürchtete mich jedes Mal. Man schenkte mir die Bibel und ich wurde fromm. Ich glaubte an das, was ich dort las. In der Schule hatten wir eine Stunde, die sich Religion nannte. Es kam ein heiliger Mann von unserer Kirche. Und der betete mit uns aus dem Bibelbuch. Alles bekam eine Ordnung, so wie es der liebe Gott haben wollte. Ich wurde älter und größer. Ich lernte Winnetou und Old Shatterhand kennen. Ich las auch das Totenschiff von Traven und viele Bücher von Jack London. Ich las mich frei. Ich las mich frei von den zu oft gehörten Bibeltexten. Ich erlas mir die Welt. Und die hatte viel zu bieten. Ich erlebte Abenteuer und menschliche Schicksale. Und ich erträumte mir wieder eine Märchenwelt. In der Welt der fiktiven Wissenschaft reiste ich durch das Universum. Ich blickte in die Zukunft und in die Vergangenheit und änderte sehr oft den Lauf der Zeiten. Ich sorgte für Ordnung und Gerechtigkeit. Gerade eben habe ich ein über 800 Seiten dickes Buch in sieben Tagen durchgelesen. Und das Blatt für Blatt, meistens in den Abendstunden. Meine Bibliothek ist auf über 1000 Bücher angewachsen. Und fast alle Bücher habe ich gelesen, Blatt für Blatt. Ich interessiere mich für Erfindungen, für Technik, Menschen, die Natur. Ich interessiere mich eigentlich für alles. Ich bin neugierig und möchte wissen, wie etwas funktioniert. Ich möchte es nicht nachbauen, ich möchte aber die Funktionsweise begreifen. Ich bin auf der Suche nach der geheimnisvollen Kraft, die alles in Bewegung hält. Ich lese etwas über Atome und über Quanten, über Schwer- und Fliehkraft. Ich denke mir Wundermaschinen aus. Damit will ich die Menschen glücklich machen. Doch meine Maschinen werden nie funktionieren. Es sind Gedankenexperimente, die ich nur für mich anstelle. Schließlich gibt es nichts, was nicht noch verbessert werden könnte. Es gibt kein Ende, es geht immer weiter. Die philosophische Frage „warum wir existieren“, stellt sich dann nicht mehr. Wir leben in dem Zeitraum „Von Bis“ und hinterlassen einige wenige Merkposten. Die natürlich wieder „Blatt für Blatt“. Wir werden vergessen und irgendwann wieder aufgeweckt, wenn man der Genesis glaubt. Ich hoffe dann auf bessere Zeiten.

Über den Autor

Uwe Neveling

Jahrgang 1937
Systemanalytiker

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