Wiedersehen

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Ich gehe die Bahnhofstraße hinunter. Rechts sehe ich die einzige Brauerei des Ortes, d.h. früher war es eine Brauerei. Jetzt gibt es hier Wohnungen und Büros. Die Außenwände hat man nicht verändert. Ich blicke in den Hof und sehe, da wo früher die Brauereifahrzeuge standen, viele Fahrräder. Offenbar ist man sportlich und schont die Umwelt.

Die Straße, die rechtwinklig von der Bahnhofstraße abgeht, erkenne ich wieder. Sie führt an der „Brauerei“ vorbei zum Kriegerdenkmal. Der Weg ist steil. An den Straßennamen kann ich mich nicht erinnern. Jetzt heißt die Straße Schützenstraße. Auf ihr erreicht man das Schützenhaus, das es in früheren Jahren nicht gegeben hat. Auch die Häuser links und rechts von der Straße sind neueren Datums. Als die Straße noch ein Weg war, haben wir sie als Rodelbahn benutzt. Es war eine 2 km lange, halsbrecherische Abfahrt. Die Abfahrt endete auf der Bahnhofstraße. Damals gab es so gut wie keinen Autoverkehr, der Zielschuss war somit gefahrlos.

Von der Schützenstraße ist es nicht weit bis zum Bahnhof. Das Bahnhofsgebäude sieht gepflegt aus. Die Außenwände sind weiß und die Fensterläden offenbar frisch grün gestrichen. Ich blicke durch ein Fenster in den Fahrkartenraum. Auch der ist sauber. Betreten kann ich ihn nicht, die Türen sind geschlossen. Auf den Gleisen stehen alte Personenwagen. Ein Schild weist darauf hin, dass die dazugehörige Lok im Dampfschuppen untergebracht ist. Es ist eine preußische T3 mit dem Baujahr 1904. Sie wird jeweils am Wochenende unter Dampf gesetzt und zieht den Museumszug in den nächsten Ort und natürlich auch wieder zurück. Ich erinnere mich an einen viel intensiveren Güter- und Personenverkehr. Es gab auch einen direkten Anschluss an die Hauptbahn. Heute erledigen das Autobusse.

Gegenüber vom Bahnhof stand das Bahnhofshotel. Daraus ist zwischenzeitlich eine Pizzabäckerei geworden. Das Gebäude hat viel von seiner damaligen Ausstrahlung verloren. Wo sind das große Restaurant und der große Innenhof geblieben? Ich bin damals von einem durstigen Fuhrknecht gebeten worden, auf sein Pferd aufzupassen, während er schnell ein Bier trinken wollte. Ich war nervös, das Pferd war nervös. Es riss sich von mir los und galoppierte davon, der Fuhrknecht mit dem halbvollen Bierglas hinterher. Ich brachte mich auch in Sicherheit. Später erfuhr ich, dass der Pferdebesitzer auf mich nicht gut zu sprechen war. Er suchte mich, fand mich aber zum Glück nicht. An das Hotel habe ich deshalb gute Erinnerungen, weil meine Großeltern dort für einige Wochen wohnten. Wegen der Pferdegeschichte habe ich sie einige Tage nicht besucht, und zwar so lange, bis Gras über mein Pferdeabenteuer gewachsen war.

Von der Bahnhofstraße geht die Hauptstraße links ab. Vor der Abzweigung war rechter Hand eine Bäckerei. Der Bäcker war mit unseren Wirtsleuten verwandt. Der Bäcker ließ uns daher gelegentlich beim Backen zuschauen. Der Ort war für seine Brezel bekannt. Wir durften manchmal sogar aus Teig Brezel formen. Die Brezelbäckerei gibt es nicht mehr. In dem Gebäude ist eine Schneiderei untergebracht.

An der Hauptstraße ergießt sich der Lippisbach in den Kanderfluß und sorgt für eine mächtige Strömung. Der Lippisbach fließt neben der Feuerbacher Straße. An der Feuerbacher Straße war früher eine Schmiede. Hier wurden regelmäßig Pferde beschlagen. Das haben wir uns immer sehr gerne angesehen. Wenn die glühenden Eisen angepasst wurden, stieg Rauch von den Hufen und es roch nach verbranntem Horn. Das mochten wir. Davon ist aber nichts mehr zu sehen. Aus der Schmiede ist eine Autowerkstatt geworden, die längst nicht so interessant ist wie ihr Vorgänger. Weiter oberhalb rechts vom Lippisbach haben wir für kurze Zeit gewohnt. Über den Bach führen in regelmäßigen Abständen kleine, schmale Stege, auf denen man bequem die Gartenkolonie auf der anderen Seite erreichen kann. Daran hat sich nichts geändert.

Ich gehe die Hauptstraße 200 m weiter. Links ist der Marktplatz. Auf dem Marktplatz plätschert ein Brunnen. 1958 habe ich mir hier in einer Gaststätte die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft in Schweden angesehen. Das Lokal gibt es immer noch. Es gibt auch eine Apotheke, ein Bekleidungsgeschäft und einen Lebensmittelmarkt. Die Häuser sind am Markt blockartig angeordnet. Man weiß nicht, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Es ist  eine sehr enge Bebauung. Die spitzen Häusergiebel vermitteln eine romantische Atmosphäre. Der Marktplatz ist etwas steil und endet an einem Treppenaufgang zur evangelischen Kirche und zur Grundschule. Hier wurde ich eingeschult. Kirche und Schule sehen unverändert aus. Nur das separate Toilettenhaus für die Schüler fehlt. Man hat es wohl zwischenzeitlich in das Hauptgebäude integriert.

Hinter der Grundschule befindet sich das Torfwerk. Es ist aber nicht mehr in Betrieb. Die Fabrikgebäude sind erhalten geblieben. Man pflegt sie offenbar. Vielleicht stehen sie auch unter Denkmalschutz, denn einige Gebäude sind aus Fachwerk. Über die Ausfallstraße hinter dem Torfwerk komme ich zum Friedhof. Auf einem Hügel steht die katholische Kirche. Die Kirchentür ist offen und ich blicke hinein. Ich bewundere die bunten Kirchenfenster, die den Innenraum in ein angenehmes Licht tauchen. An das Taufbecken kann ich mich auch erinnern. Es steht in der Mitte vor dem Altar. Alles andere kommt mir fremd vor, so auch die Außenwände. In meiner Erinnerung waren sie aus rotem Ziegel. Jetzt sind sie glatt und weiß verputzt. Die Kirche lag früher etwas außerhalb des Ortes. Jetzt hat die Kleinstadt sie eingeholt.

Ich gehe zurück zur Hauptstraße. Nach dem Marktplatz liegt in 100 m Entfernung der Blumenplatz. Er ist größer als der Marktplatz und bestand früher aus festgestampftem Kies. Darauf konnte man gut laufen. Um den Platz standen und stehen kurz gehaltene Platanen. Der Kiesplatz musste leider einem Parkplatz weichen. Der Platz verliert dadurch seinen ländlichen Charakter.

August Macke, dieser großartige Maler, mochte diesen Ort. Er hielt sich 1905, 1907 und 1914 hier auf. Er bezeichnete den Ort als seine friedvolle Enklave, überschaubar, freundlich, ohne Anspruch, in jeder Beziehung lieblich. So empfinde ich diesen Ort auch. Erstmalig lernte ich ihn in den Kriegsjahren 43 bis 45 kennen. Meine ersten hier gemachten Erlebnisse haben sich unauslöschlich in meinem Gedächtnis eingeprägt. 1958 habe ich diesen Ort meiner Kindheit noch einmal aufgesucht.  Ich wollte Heidi wiedersehen. Heidi war die Tochter unserer Wirtsleute. Sie und wir wohnten in der Hebelstraße. Über die Hebelstraße bin ich übrigens am Beginn dieser Geschichte in die Bahnhofstraße abgebogen und auf das Brauereigebäude gestoßen. 1958 hierher zu kommen war keine gute Idee. Als ich Heidi besuchte, hatte sie am Tag zuvor geheiratet. Das Wiedersehen war somit leicht getrübt. Meine Vergangenheit ließ mir jedoch keine Ruhe.  2004 unternahm ich einen erneuten Versuch, Heidi wiederzusehen. Es gelang. Ich fand sie in der Schwarzwaldstraße. Die Schwarzwaldstraße gab es in den Kriegsjahren noch nicht; sie wurde später an die Hebelstraße angebaut. Wir haben uns sofort wiedererkannt und lagen uns in den Armen. Ihr Mann hatte nichts dagegen. An dem Tag haben wir uns lange an die alten Zeiten erinnert. Inzwischen haben wir uns einige Male gegenseitig besucht. Wir telefonieren regelmäßig miteinander und halten uns so auf dem Laufenden. Wir denken oft an uns und hoffen, dass das auch noch so lange bleibt.

 

 

Über den Autor

Uwe Neveling

Jahrgang 1937
Systemanalytiker

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