Was morgen geschah

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Das war der Titel eines amerikanischen Filmes, den wir in Berlin den ersten Nachkriegsmonaten zu sehen bekamen. Es war ein fantastischer Film, den ich mir mindestens drei Mal angesehen habe. Ein Reporter einer kleinen Zeitung kam nie an die wirklich guten Themen ran. Darüber sprach er mit einem seltsamen Alten, der ihm wie eine gütige Fee die Gabe schenkte, in die Zukunft zu sehen. Von da an wusste er schon, wo und wann etwas geschehen würde, worüber er als erster schreiben konnte. Wie das in Filmen dieser Art ist, wo jemand in die Zukunft oder in die Vergangenheit gehen kann, muss sich der Regisseur mit Paradoxien auseinandersetzen, so auch hier: der Reporter sieht seinen eigenen Tod.

Wie der Film ausgeht, weiß ich nicht mehr, ich gebe auch zu, dass ich nur noch ganz wenige Erinnerungen an diesen Film hatte, weshalb ich eine kurze Inhaltsbeschreibung in einer Filmothek nachgelesen habe.

Warum ich mich dennoch an diesen Film erinnerte, das war der ausgefallene Titel, denn trotz der meistens tumben Auswälzung kleiner märchenhaften Storys ist es ja gar nicht ausgeschlossen, Entwicklungen vorauszusehen, die in nächster Zeit eintreten können. Wenn Jules Verne den Flug zum Mond vorausgesehen hat, so war das sicherlich ein Gutteil reine Phantasie. Aber es gibt seit langen Jahren die Zukunftsforscher, die Informationen aus der Industrie gewissermaßen hochrechnen, um vorauszusagen, was in den nächsten Jahren auf uns noch zukommen wird.

Zu dieser Sippe gehörte auch die Mutter unserer Nachbarin, die uns Kinder etwa 1939/40 dabei beobachtete, als wir versuchten, in ein Radio von hinten hineinzugucken, um den Sprecher bzw. das Orchester zu sehen, von denen wir die Stimmen und Instrumente hörten. Weil sie gut beobachtete, stellte sie auch gleich die richtigen Fragen und hatte auch die passenden Erklärungen parat. Die Stimmen und Töne kommen von weit her, fliegen durch die Luft und werden in dem Apparat hörbar gemacht, Menschen säßen da nicht drin. „Aber …“, sagte sie nach einer kurzen Atempause, „es wird bald so sein, dass ihr im Radio auch ein Bild von dem Orchester sehen könnt!“

Mit dieser Aussage wuchs sie bei mir zu einer Wahrsagerin erster Güte auf. So etwas kann man doch gar nicht wissen, dachte ich mir, die muss schon etwas mit Magie zu tun haben! Heute bin ich schlauer. Sie hatte die Zeitung aufmerksam gelesen und dort erfahren, dass das deutsche Fernsehen in den nächsten 5 Jahren in jedem Haushalt empfangbar sein würde. An den technischen Voraussetzungen wurde damals mit Hochdruck gearbeitet und Testsendungen liefen schon dauernd. Der Krieg und die besonderen Umstände sorgten dafür, dass diese Voraussage sich nicht so schnell erfüllte, es hätte aber sein können!

In den 1960/70er Jahren gab es ein hübsches Technikmagazin, das „Hobby“.

Es enthielt Baupläne für Kleinmöbel und gab Tipps, wie man mit Lötkolben umgehen musste, es enthielt aber auch spannende Geschichten, aus denen  man schon mal Hinweise auf neue Entwicklungen lesen konnte.

Farbfernsehen mit Stereoton, sogar auch im quadrophonen Kinotonverfahren wurde vorausgesagt. Großfernseher mit riesigen Diagonalen waren bald vergessen, denn Großbilder sah man auf Projektionsflächen und dann wurden die Flachbildschirme vorausgesagt.

Ich habe aus den 1990er Jahren noch ganze Jahrgänge der damals sehr populären Zeitschrift PM (Peter Mosleitners interessantes Magazin) in denen ich heute viele Voraussagen nachlesen kann, die so meist nicht eintrafen, aber Tendenz war zu erkennen. Als wir damals froh waren, Computerdaten in Kilobyte schon mal ansatzweise in Megabyte umzurechnen, war das Wort Gigabyte ein Zauberwort und niemand konnte sich vorstellen, dass wir mal mit kleinen Sticks in der Hosentasche oder am Schlüsselbund unsere wichtigen Daten, ja sogar Filme mit uns herumschleppen könnten.

Aufmerksame Leser finden aber durchaus heute noch Berichte, die uns voraussagen, was als nächstes kommen wird. Wir werden aber auch erfahren, was man alles unternehmen wird, um das, was an technischem Fortschritt auf uns zukommt, sogar auch gegen uns verwenden kann. Wenn man die Affäre Snowden mal Revue passieren lässt, dann kann einem schon übel werden: „Big Brother Is Watching You“ – die traurigen Visionen des Romans „1984“ sind ja schon Realität!

Was kommt demnächst? Holografisches, dreidimensionales Fernsehen ohne Projektionsfläche, einfach im Raum, vor unserer Couch – wie auf einer Kleinkunstbühne? Sich selbst steuernde Autos, Höchstgeschwindigkeits-flugzeuge, die uns in 2-3 Stunden nach New York oder Australien bringen – ja, das wird es in absehbarer Zeit geben.

Aber es wird auch viele geben, die das alles gar nicht wollen, weil sie sehen, dass es auch andere Dinge gibt, die wichtiger sind als das Smartphone, mit denen man aus Hunderten von Kilometern seine Jalousien in der Wohnung bzw. im eigenen Haus öffnen und schließen und sogar die Heizungen einstellen kann. Es wird nämlich auch dann irgendwo in Afrika oder im Mittleren Osten noch Regionen geben, in denen Kinder verhungern oder korrupte Regierungen ihr Volk unterdrücken und ausbeuten. Erst wenn dort Friede und Wohlstand eingetreten sind, werden wir vielleicht doch noch Freude daran haben, dass demnächst Zeitungen nicht mehr gedruckt werden und man auf kleinen Bildschirmen genau das steht, was wir in der schillernden Boulevard-Presse auf großflächigen Papierseiten einst mit vielen Verrenkungen nachgelesen haben. Dann werden uns auch die Dinge, die wir uns mit unserem 3D-Drucker ausgedruckt haben, Freude machen, denn man wird sie ja anfassen können!

7.Februar 2014

Über den Autor

Fritz Schukat

Jahrgang 1935
Prüfdienstleiter

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