Von Schneewittchen zu Irene Koss

V

(von Heinz Münchow) 

Anfang der 1950er Jahre nahm man k e i n e Briketts mehr mit, wenn man ins Kino ging. Seit der Währungsreform 1948 war das Leben langsam leichter geworden. Ich arbeitete in Lüneburg in einem Radioladen und war mit Reparaturen beschäftigt, aber auch mit „Werbung”. Wir konnten unseren Firmenwagen mit großen Lautsprechern auf dem Dach ausrüsten, mit Mikrofon und Plattenspieler im Inneren. Und so schickte mich mein Chef eines Tages auf Werbefahrt durch Lüneburg:

„Lüneburger! Im Odeon-Kino läuft seit heute der Walt-Disney-Zeichentrickfilm SCHNEEWITTCHEN UND DIE SIEBEN ZWERGE. Täglich zwei Vorstellungen!”

Zwischen den Ansagen gab es Filmmusik von Schallplatten. Nach etwa einer Stunde – ich stand an der Ecke des Lüneburger Marktplatzes – „hörte ich meiner Ansage zu”. Und was hörte ich? Statt „Schneewittchen und die sieben Zwerge” kam aus den Lautsprechern: .“Schneewittchen und die lieben Zwerge”! Ich denke, meine Lüneburger Zuhörer haben den ‘Versprecher’ nicht bemerkt.

Dieser Lautsprecherwagen wurde bald für etwas Neues eingesetzt: Das FERNSEHEN war im Kommen. Schwarz/Weiß-Fernsehen. Nur e i n Programm. Teure Fernseh-Empfänger! 36 cm Bildschirmdiagonale. Die Lüneburger Stadtbewohner gingen in die Geschäfte, um sich zu informieren. Aber wer bringt den Landbewohnern das Fernsehen nahe? I C H ! Also: einen Philips Starenkasten einladen (der Fernseh-Empfänger sah aus wie ein Vogelkäfig), dazu Antennenmaterial und Werkzeug. Und dann ging’s los.

Wo können wir den Hamburger Fernsehsender gut empfangen? In Bütenhagen! Dorfgasthaus vorhanden? Ja. Den Wirt fragen: Heute Abend Vorführung des Fernsehens? Ja. Raum vorhanden, kleiner Saal? Ja.

Gegen Mittag erste Werbung: „Heute Abend im Dorfkrug. Die Firma Radio – N. zeigt Ihnen das Fernsehen. Beginn 19:30 Uhr Eintritt frei!” – Am Nachmittag Antennenbau. Eine lange Leiter wird zweckentfremdet, sie dient als Antennenmast. Die Antenne wird montiert und mit Hilfe des empfangenen Testbildes ausgerichtet. Spätnachmittag dann die zweite Werbung mit dem Lautsprecherwagen. Um 19:30 Uhr ging’s los. Ich hatte mir einen weißen Kittel übergezogen und erklärte den Herbeigekommenen, wie beim Fernsehen Bild und Ton übertragen werden. Um 20:00 Uhr konnte man die Nachrichten verfolgen (wobei wir immer bereit sein mussten, die “Knöpfe” für Bild- und Zeilenfang bei Programmwechsel, bei Umschaltvorgängen nachzustellen). Um 20:15 Uhr erschien IRENE KOSS auf dem Bildschirm, um lächelnd das Abendprogramm anzusagen. Wir waren mehrere Tage dort. Bei interessanten Beiträgen dauerten die Veranstaltungen im Dorfgasthaus oft bis Mitternacht und manch Zuschauer bekundete sein Interesse am Kauf eines Gerätes.

Wir konnten oftmals gleich einen Hausbesuchstermin vereinbaren!

Über den Autor

Ehemalige Autoren

Neueste Beiträge

Kategorien