Tanzstunde mit Folgen

T

(von Heinz Münchow)

Es war Anfang der 1940er Jahre. Der Krieg hatte angefangen. Die Zukunft hieß „Soldat werden“, wenn der Krieg länger dauerte. Als Oberschüler in Stettin ging man zur „Angelstein“ in die Tanz-stunde.

Ich weiß es noch genau: Tanzstunde und Vanilleduft. Natürlich musste man als „Herr“ einen Anzug mit Krawatte tragen! Der Vater war beruflich unterwegs, Mutter und ich des „Krawattenbindens“ unkundig. Die Oberbewohnerin aus dem Mehrfamilienhaus konnte helfen! Sie erschien rechtzeitig zum Krawattenbinden u n d sie duftete lieblich nach Vanille. Ich nehme an, sie war oftmals beim Kuchenbacken.

In der Tanzstunde wurden Weiblein und Männlein einander vorgestellt. Welch ein Gefühlt! Mir gegenüber eine Reihe feingemachter Wesen, denen man nun näher kommen sollte! Man sollte sie sogar anfassen! Mein Blick blieb sofort an dem schwarzhaarigen dünnen Mädchen hängen – und konnte nicht wieder wegsehen: bei Inge Z. (wie ich dann herausbekam). Nach Überwindung der physikalischen Massenträgheit stürzte sich mein Körper in Inges Richtung – aber sie war nicht mehr an ihrem Platz! Nein, sie stand im Hintergrund und unterhielt sich mit einem Jüngling, der schneller als ich gewesen war. – Und ich? Stand dumm in der Gegend herum und forderte „Helge“ auf, die wohl ebenfalls übrig geblieben war.

Aber ich gab natürlich meine Bemühungen nicht auf, Inge näher kennen zu lernen. Von meinen „detektivischen“ Ermittlungen will ich keine Einzelheiten erwähnen. Der krönende Abschluss der Tanzstunde war der „Abtanzball“. Eltern und Geschwister der „Tänzer“ waren zahlreich erschienen. Und ich absolvierte meine „Pflichttänze“ mit Helge, um mich dann auf Inge zu stürzen! Beim ersten Tanz mit ihr: „Fräulein Z., darf ich Sie am kommenden Donnerstag um 17:10 Uhr von der Schule KAV abholen?“ Ihr Mündchen stand minutenlang sperrangelweit offen, formte dann aber das Wort „Ja”.

Und so begann meine Freundschaft mit Inge. Ja, es blieb bei Freundschaft.

Es war Februar, als die Tanzstunde zu Ende ging. Ich nannte ihr sicherlich bald mein Geburtsdatum, aber ihres hat sie mir einfach nicht genannt! Es wurde Januar des folgenden Jahres. Als wir uns am Vorabend meines Geburtstages an ihrer Haustür ver-abschiedeten, kam es spöttisch aus ihrem Mund: „Im Übrigen erlaube ich mir, morgen  ebenfalls Geburtstag zu haben!“ Also, das war der Grund des Schweigens. Sie war auf den Tag genau so alt wie ich!

Inge wohnte in einer Pension bei einer Arztwitwe. (Inges Eltern wohnten außerhalb mit ungünstigen täglichen Verkehrsverbin-dungen.) In dieser Pension wohnten noch mehrere junge Damen, auch die blonde Brigitte-Sabine. Ich hatte sie schon vor einiger Zeit kennen gelernt. Als ich einmal auf Inge wartete, schoss eine temperamentvolle Blondine heraus und stutzte bei meinem Anblick. Sie wollte Schuhcreme kaufen – und ich ging mit, weil Inge noch nicht fertig war.

Die Kriegsereignisse verstreuten uns in alle Welt. Als ich Jahre später in Lüneburg eine Dame in ihrem typischen Schiebegang die Straße überqueren sah, schoss es wie ein Blitz durch mich: es konnte nur Inge sein! Tatsächlich. Wir konnten unsere Freundschaft fortsetzen und mit ihrem Sohn und meiner Tochter ergänzen.

Und dann nahte der Höhepunkt der Tanzstunde-Folgen. Mein Privatleben geriet aus den Fugen. Ich erzählte Inge von dem Durcheinander. Ihre Reaktion? „Geh’ nur mal nach Hamburg in die ABC-Straße. Da hockt jemand und heult.“ Ich ging. Und traf Brigitte-Sabine, die Schuhcreme-Dame.

Die allerletzte Folge? Wir heirateten!

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