Tanzschulenerlebnisse

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(von Bernd Schwiers)

Die meisten meiner Mitschüler gingen bereits im Alter von 15 Jahren in die Tanzstunde. In meiner süddeutschen Heimatstadt gab es damals zwei Tanzschulen, die zwar miteinander konkurrierten, aber eigentlich hatten sie jeweils ihre eigenen Kundenkreise in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, so dass die Wahl, welche Tanzschule man besuchte, sich gar nicht erst stellte.

Meine Eltern meinten, dass ich mit 15 Jahren noch zu jung für die Tanzstunde sei und deshalb noch ein Jahr warten sollte. Außerdem eröffnete mir mein Vater: „Wenn du in die Tanzstunde willst, dann brauchst du dazu einen Anzug! Wir können dir keinen kaufen, du musst dir das Geld dafür schon selbst verdienen!“ Nun, ich hatte mir in den Vorjahren durch Ferienarbeit bei einem Klempner bereits ein Fahrrad „erarbeitet“, also war mir Ferienarbeit nichts Neues. Im nächsten Jahr, das war 1957, arbeitete ich also in den Oster- und Sommerferien in einer Möbelfabrik und in einer Ledergroßhandlung, um mir einen Anzug kaufen zu können. Allerdings arbeitete ich nicht während der ganzen Sommerferien. Gegen Ende der Ferien fuhr ich noch für zwei Wochen mit einer Pfadfindergruppe ins Elsass, wo wir einen deutschen Kriegsgräberfriedhof  pflegten.

Zum Anzugkauf ging meine Mutter mit, außerdem wurde mir von dem Geld, das ich verdient hatte, ein weißes Hemd und zwei Krawatten (kosteten damals das Stück 2,- Mark) gekauft. Das Jackett des Anzuges musste noch etwas geändert werden. Die rechtzeitige  Fertigstellung wurde uns zugesichert, aber am Tag der ersten Tanzstunde war das Jackett noch nicht da. Telefon hatten wir damals, wie die meisten, noch nicht. Glücklicherweise befand sich gerade gegenüber dem Haus ein Postamt und außerdem noch eine Telefonzelle im Straßenbahnwartehäuschen. Da lief ich hin und fragte bei dem „Herrenausstatter“ nach dem Jackett. Ja – das komme noch rechtzeitig, wurde mir versichert.

Die Tanzstunde sollte um acht Uhr beginnen. Das Jackett kam Viertel vor Acht  bei uns an. Ich schlüpfte rein und der Botenfahrer nahm mich in seinem Lieferwagen stadteinwärts mit. Er ließ mich an einer Kreuzung in der Nähe der Tanzschule aussteigen und sagte noch vorher: „Guck erscht nach hinne, bevor´d die Dür uffmachsch!“  Ja, sagte ich und machte die Tür auf und schon fuhr ein Radfahrer gegen die geöffnete Autotür. Glücklicherweise war nichts Schlimmes passiert, Fahrrad, Auto und Radfahrer blieben unbeschädigt, so dass ich meinen Weg fortsetzen konnte und gerade noch rechtzeitig zur Tanzschule kam.

Für diesen ersten Abend hätte ich jedoch noch gar keinen Anzug gebraucht. Der erste Abend war nämlich noch ohne Damen. Wir erhielten vom Inhaber der Tanzschule an diesem ersten Abend Anstandsunterricht. Es wurde uns übrigens die Anschaffung weißer Handschuhe empfohlen.

In der Woche darauf war dann der erste Abend mit den Damen. Die Tanzschule befand sich in einer Gründerzeit-Villa im Historismus-Stil. Alles war mit dunklem Holz vertäfelt. Wir wurden in den Saal geführt, d.h. wir marschierten dort ein und nahmen, wie uns geheißen, an der einen Saalwand gegenüber den Damen Auf-stellung, die dort auf einer langen Bank saßen. Tanzlehrerin war die Ehefrau des Inhabers. Auf deren Aufforderung hin ging jeder auf die ihm gegenüberstehende Dame zu und forderte sie mit einer höflichen Verbeugung zum Tanz auf. Dann lernten wir die ersten Tanzschritte, ich glaube, das war „Marsch-Fox“. Nach jedem Tanz ging man eine Dame weiter. Wenn die Tanzstunde – eigentlich waren es zwei Stunden mit einer Pause dazwischen, in der man seine Dame mit Konversation unterhalten sollte – also wenn die Tanzstunde zu Ende war, stellten die Damen sich wieder an der einen Saalwand auf, die Herren auf der gegenüberliegenden und dann steuerte man auf die Dame zu, die man nach Hause begleiten wollte – und musste! Die Tanzschule legte Wert darauf, dass die Damen nach Hause begleitet wurden. Leider erwischte man nicht immer die Wunschdame.

Für den Abschlussball (hier im Norden heißt es ja Abtanzball) hatten wir einen Formationstanz, den Lambertz-Walk, eingeübt.  Außerdem führte die Tanzlehrerin mit dem jüngeren Tanzlehrer, mit dem sie ein Verhältnis hatte, Charleston vor; sie hatte dazu ein schönes Kleid aus den Zwanziger Jahren an, lang, eng, mit Fransen am Saum. Die meisten Tanzschüler waren mit Eltern erschienen, meine hatten jedoch eine Teilnahme abgelehnt.

Nach diesem Grundkurs belegte ich noch einen Fortgeschrit-tenenkurs, aber dann war Schluss, ich ging nur noch gelegentlich zu Veranstaltungen der Tanzschule.

Nachdem ich verheiratet war, wurden die inzwischen sehr ver-kümmerten Tanzkenntnisse meist nur noch einmal im Jahr auf dem Betriebsausflug gebraucht.

Viele Jahre später, 1984, ging der erste unserer Söhne zur Tanz-stunde bei der Tanzschule Madeleine Beinhauer in Norderstedt. Diese Tanzschule hatte keine eigenen Räume, vielmehr fand der Unterricht im Sportzentrum Scharpenmoor in Garstedt statt. 1985 folgte ihm sein jüngerer Bruder und bei dessen Abtanzball sprach die Tanzlehrerin, Frau Beinhauer, die anwesenden Eltern an und empfahl ihre Tanzkurse für Erwachsene. So kam es, dass wir, Ellen und ich, am 15. Januar 1986 unsere erste gemeinsame Tanzstunde bei Frau Beinhauer hatten. Ich war damals schon 45 Jahre alt. Das Tanzen machte uns großen Spaß. Wir durchliefen alle Kurse und wurden danach Mitglied in einem der Tanzkreise der Tanzschule, die sich inzwischen vergrößert hatte. Das Ehepaar Beinhauer hatte das Tanzmeisterpaar Werner und Ingrid Führer als Partner hinzu-genommen und die Tanzschule hatte in Norderstedt am Harks-heider Marktplatz eigene Unterrichtsräume in einem ehemaligen Supermarkt eingerichtet.  Da wir ganz in der Nähe wohnen, konnten wir jetzt die Tanzschule immer zu Fuß erreichen. Wir lernten in den Tanzkreisen viele schöne Schrittfolgen. Leider konnte man die außerhalb der Tanzschule nie praktizieren, weil die Tanzflächen meist sehr klein sind. Wir aber brauchten für unsere großen Schrittfolgen Säle!

Aber selbst bei den großen Bällen im CCH, wo es eine große Tanzfläche gab, war diese schnell gefüllt, so dass an richtiges Tanzen, so wie wir es nun gelernt hatten, nicht zu denken war. Im Jahr 2000, nach 15 Jahren, mussten wir das Tanzen leider aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.

 

 

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