Schlesien

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Wie mein Vater und mein Onkel mich zum Mann erziehen wollten  (von Dieter Fleischmann)

Unser Ehemaliger-Autor Dieter Fleischmann ist im Jahre 1937 in Berlin geboren. Der Vater, Jahrgang 1908 wurde im Zweiten Weltkrieg schwerverletzt und verbrachte mehrere Monate mit seiner Familie bei Verwandten in Schlesien eine Restitutionszeit. Im Frühjahr 1945 begann für Schlesien der Exodus. Vater schlug sich nach Berlin durch, um die Wohnung zu schützen. Der Autor erlebte während der Flucht den Feuersturm und die schreckliche Verwüstung Dresdens durch die feindlichen Bomber.

Dieter Fleischmann war in Berlin Gymnasiallehrer (Deutsch und Geschichte). Er ist mit unserem Autor Fritz Schukat verwandt. In dessen Geschichte >Zigarrenrauch< geht es ein Jahr früher in das damals noch gemütliche kleine Sprottischdorf bei Sprottau in Schlesien, wo der kleine Dieter später mit einer drastischen Methode zum Manne erzogen werden sollte.

Seine Geschichte beginnt ca. zwei Jahre vor dem Zusammenbruch, etwa Mitte 1943.

Als die Bombenangriffe auf Berlin im Winter und Frühjahr 1943 und 1944 immer mehr zunahmen und wir oft nachts in den Keller mussten, entschloss sich meine Mutter, mit mir zum Arzt zu gehen und mich von der bevorstehenden Einschulung befreien zu lassen, um mit mir zu ihrer Schwester Dora nach Sprottischdorf in Schlesien zu fahren. Dora hatte einen Bauern geheiratet, der für eine Mühle als Lastwagenfahrer arbeitete, weil das eigene kleinbäuerliche Anwesen nicht genug abwarf. Schwester Dora arbeitete ebenfalls in der Mühle als Sekretärin, denn Großmutter betreute meine beiden Cousinen, kochte für die Familie, versorgte zwei Kühe, drei Schweine, eine Ziege und das Federvieh.

Fern vom Kriegslärm jagten uns die Gänse um das Haus, lernten wir auf einem Damenfahrrad am Fliederzaun, der im Mai starke lila Düfte ausströmte, Radfahren und kehrten blau beschmiert und zerstochen aus dem Wald mit Blaubeeren, Preiselbeeren, Himbeeren und Pilzen zurück, die uns die Großmutter gezeigt hatte.

Es war ein warmer Sommer, der zum Schwimmen einlud. Meine Mutter hatte uns Kindern leinerne Luftkissen genäht, die nassgemacht und mit dem Mund aufgeblasen wurden. Sie schauten, als wir im Wasser der Sprotte unsere ersten Schwimmversuche machten, unter den Achseln hervor und schienen uns zu beflügeln.

Meinem Vater hatte ein Scharfschütze an der Mittelfront bei Smolensk mit einem Dumdumgeschoss – die Spitze der Patrone war abgefeilt, also stumpf – den linken Fuß zertrümmert. Da er am Maschinengewehr nicht mehr einsatzfähig war, kam er in ein Rehabilitationslazarett nach Schlesien bis zur Wiederverwendung an der Front, wann immer das auch sein mochte. In Sprottau gab es ein solches Militärkrankenhaus und so lag es nahe, sich dorthin versetzen zu lassen. Als Rehabilitationsmaßnahme bot sich der leichte Einsatz auf dem Hof meines Onkels an, was uns alle erfreute. Den Weg von Sprottau nach Sprottischdorf konnte mein Vater leicht mit einem Fahrrad zurücklegen.

Hier entstand der Plan der beiden Männer, aus mir, dem verweichlichten Jungen, der von Frauen erzogen wurde, sticken und stricken lernte, vor Gänsen davonrannte und von Kühen und Schweinen und einem Ziegenbock auch nicht gerade begeistert war, einen richtigen knackigen, schlagkräftigen Kerl zu machen, der vor männlichen Aufgaben nicht zurückschreckte. Nachdem wir Kinder zum Decken der Kuh durch den Stier mit dabei waren, wurden zunächst die Gänse für mich ins Visier genommen. Schließlich bin ich ja vor ihnen weggelaufen.

Der verwundete Kriegsheld, mein Vater, und der Unabkömmliche der Mühle, mein Onkel, beschlossen zunächst, dass ich beim Befördern einer Gans vom Hof in den Küchenofen zusehen und mitwirken sollte. Großmutter wurde beauftragt, die Gans zu schlachten und ich sollte mithelfen, das Gänseblut in einen Topf aufzufangen und in die Küche zu bringen. Sie, die Kriegs- und Mühlenhelden würden zuschauen, alles begutachten und über mich urteilen.

So geschah es. Großmutter nahm ein Holzscheit, griff eine Gans am Hals, schlug ihr mit dem Holz auf den Kopf und setzte sich auf einen Hauklotz hinter dem Hühnerstall, nahm das Vieh zwischen die Beine, stach ihm in den Kopf und schnitt ihn ab, während ich das Blut im Topf auffangen und mit Erleichterung den Topf mit dem Blut in die Küche bringen musste. Ob mir übel wurde, kann ich nicht mehr sagen, jedenfalls war ich froh, dem Geschehen entronnen zu sein.

Damit aber nicht genug! Das Mannwerden konnte sich nicht nur im Zusehen vollenden, es musste auch die Tat folgen. So entschlossen sich Onkel und Vater, am Sonntag ein Huhn zu essen, das ich schlachten sollte. Man drückte mir ein Beil in die rechte Hand und mein Onkel kam mit einem Huhn, dem er einen Schlag auf den Kopf gegeben hatte und das er an den Beinen hielt. Das noch zappelnde Huhn musste ich in die linke Hand nehmen und ihm auf dem Hauklotz mit dem Beil den Kopf abhauen. Es muss mir gelungen sein, den Kopf vom Rumpf zu trennen.

Da versagten mir die Kräfte, ich ließ das Beil fallen und den Rest vom Huhn auch, das noch   3 – 4 Meter kopflos dahinflog und eine Blutspur auf dem frisch gefallenen Schnee hinterließ.

Ob ich von dem Huhn gegessen habe? Ich glaube es nicht. Zum Mann bin ich dadurch auch nicht geworden. Dafür haben andere gesorgt. Nie wieder habe ich ein größeres Tier getötet.

Anfang Februar flohen wir über Dresden nach Thüringen, vor den näher rückenden Russen. Großmutter wollte nicht mit: „Ich bleibe bei den Tieren, was soll denn aus ihnen ohne mich werden? Ich bin alt, man wird mir schon nichts tun.“ Von Großmutter haben wir nie wieder etwas gehört.

Dresden erreichten wir am 12. Februar 1945, einen Tag vor den verheerenden Luftangriffen auf die mit Flüchtlingen überfüllte Stadt. Untergekommen waren wir bei Verwandten des schlesischen Müllenbesitzers. Von der Villa über der Stadt sahen wir das brennende Dresden. Vor der zweiten Angriffswelle am 14. Februar 1945 schlugen wir uns durch zum Teil brennende Straßenzüge zum unbeschädigten Laster durch und flüchteten weiter nach Thüringen.

Mein Vater trennte sich von uns und versuchte, nach Berlin zu kommen, um unsere Wohnung in Neukölln zu sichern, Bombenschaden gab es Gott sei Dank dort nicht.

 

 

 

 

Anhang aus einer früheren Aufzeichnung

von Fritz Schukat

 

Ich animierte zuvor meinen Cousin, er möge doch mal seine Erinnerungen an den Luftangriff auf Dresden schildern, um ihn auf unserer Webseite zu veröffentlichen. Einen Augenzeugen, der diesen schlimmen Angriff miterlebte sogar in der Familie zu haben, war für mich schon bemerkenswert. Er schrieb mir jedoch, sein Erinnerungsvermögen an jene fürchterlichen Tage sei zu dünn, um daraus eine Geschichte zu machen.

Hier etwas verkürzt der Wortlaut seines Briefes:

Im Februar 1945 war ich etwa 7½ Jahre alt und habe kaum etwas im Gedächtnis behalten. Wir Kinder haben wenig mitbekommen. Ich erinnere mich an eine Villa mit Keller, wo wir den Doppelschlag der Briten erlebten. Die Villa gehörte Verwandten des Arbeitgebers von Onkel Richard und Tante Dora. Mit dem Laster (mit Hänger) flüchtete der Mühlenbesitzer mit seiner Familie und uns aus Sprottischdorf nach Dresden. Unsere Federbetten wurden auf den Hänger geworfen und dann ging es los. Mein Teddy aus Paris gehörte nicht dazu!

Ich erinnere mich auch an die „Weihnachtsbäume“, mit denen die Vorhut die nächtliche Stadt von oben taghell erleuchtete, könnte aber auch sein, dass ich sie in Berlin gesehen habe. Wir gingen durch eine verqualmte Straße, um zu dem Auto zu kommen, das sich an einem sicheren Platz unzerstört vorfand. Auch an einen Bombentrichter erinnere ich mich. Von dort fuhren wir schnell aus dem brennenden Dresden hinaus Richtung Neustadt/Orla nach Thüringen. Die Flucht muss am 14. Februar. 1945 vor 12 Uhr begonnen worden sein, denn es ist historisch belegt, dass um 12:12 Uhr die ersten amerikanischen Bomben auf Dresden fielen. Die US-Jäger beschossen auch die Menschenkolonnen und den Verkehr auf den Straßen, die aus der Stadt führten, da sie sonst keine anderen Ziele mehr fanden.

Die Tragödie Dresdens wird in dem Buch des Engländers David J. Irving „Der Untergang Dresdens“ ausführlich dargestellt. Ich habe es in den letzten Wochen genau gelesen. Es enthält auch einige schreckliche Bilder, die mir als Kind erspart geblieben sind. Für einen genauen Bericht reichen meine Erinnerungen jedoch nicht aus. Daher kann ich Deiner Bitte leider nicht nachkommen.

Für diesen „Nicht-Bericht“ habe ich mich bei meinem Cousin dennoch bedankt. Er bestätigt einmal mehr, dass kindliche Erinnerungen auch an durchaus schlimme, eigentlich trauma-tisierende Erlebnisse manchmal nicht den Platz finden, im Langzeitgedächtnis abgespeichert zu werden. Wahrscheinlich weigert sich das Hirn, solche Ereignisse, die nach unserem sittlichen Empfinden und unserer Erziehung einfach nicht sein dürften, an geeigneten Stellen zwischenzuspeichern, so dass sie deshalb keinen Eingang in das Langzeitgedächtnis finden und mit der Zeit verloren gehen.

Ein weites Feld für Hirnforscher, die das, was wir bereits heute empirisch belegen können, irgendwann durch wissenschaftliche Forschungsergebnisse untermauern werden.

 Fritz Schukat
im November 2011

 

 

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