Meine Lehre als Linkshänderin

M

(von Sigrid Gehrken)

Frühjahr 1950.

Der Tag, an dem meine Lehre beginnen sollte, war heran-gekommen. Ich sah ihm aus mehreren Gründen mit sehr gemisch-ten Gefühlen entgegen. Zum einem, mein Traumberuf war Säug-lingsschwester. Ich musste jedoch eine Lehre als Fleischerei-fachverkäuferin absolvieren, und zum anderen – ich bin Linkshän-derin und darauf nahm man zu dieser Zeit überhaupt keine Rücksicht.

Mein Vater brachte mich in die Firma und informierte meinen Lehrherrn über mein „Handicap“. Darauf sagte mein Chef zu mir: „Ich möchte nicht einmal sehen, dass Du das Messer oder das Beil in die linke Hand nimmst.“ Das war nicht gerade sehr motivierend für mich, doch ich tröstete mich immer wieder, indem ich mir sagte, wenn ich ausgelernt habe, lasse ich mir von niemandem vorschreiben, mit welcher Hand ich das Werkzeug halte. Abgesehen von diesem Handicap hatte ich aber eine schöne Lehrzeit. Ich bin sogar jeden Sonntag bis Mittag in der Firma gewesen und habe der Köchin – Anna hieß sie – im Haushalt geholfen. Im Anschluss an meine Lehre blieb ich auf Wunsch von Chef und Chefin dann sogar noch acht Jahre dort. Ich war wie die Tochter des Hauses und habe meine Chefin sehr verehrt. Auch mein Chef war schwer in Ordnung.

Letztendlich habe ich aber dem Drängen meiner Mutter nach-gegeben, die zu der Zeit eine Verkaufsstelle der HO (Handels-organisation) mit Schlachterei geleitet hat und mich gern als Verkäuferin haben wollte. Und obwohl dies nicht der Beruf war, den ich gern erlernt hätte, hat er mir viel Spaß gemacht, zumal ich immer sehr guten Kontakt zur Kundschaft hatte.

Sigrid Gehrken, März 2004

Über den Autor

Ehemalige Autoren

Neueste Beiträge

Kategorien