Mein Onkel Herbert

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(von Burkhard Ehlers)

Auf dem Lande sorgen die Menschen durch Ackerbau und Viehzucht auch heute noch vielfach selber für das, was auf den Tisch kommt. Nach dem Krieg im Zeichen der Mangelwirtschaft hatten nicht nur Bauern Groß- und Kleintiere, auch Onkel Herbert und Tante Lenchen hielten sich Federvieh nicht nur, um sich an deren Eiern zu delektieren. Zu besonderen Anlässen landete ein solches Vieh auch schon mal durch den Bratofen auf dem festlich gedeckten Tisch. Eier liefert nur das gackernde Huhn, aber bis es am Sonntag gebraten auf dem Tisch stand, gab es ein haarsträubendes Massaker, dem die Landjugend gelassen zusehen konnte. Für Stadtkinder war das nicht selten traumatisierend. Auch unser Autor wurde als kleiner Junge von Onkel Herbert in dieses blutrünstige Handwerk eingewiesen.

Wilhelmsruh, ein Unterbezirk des Berliner Stadtteils Pankow, der wiederum bis zur Wende zu Ost-Berlin gehörte, war Schauplatz dieser Episode.

Hühner zu schlachten hat mir mein Onkel Herbert damals in Berlin-Wilhelmsruh Anfang der 1950er Jahre beigebracht: Mir, dem kleinen Bengel aus Hamburg, der dem Federvieh skeptisch gegenüber stand.

Gut, ich habe mich mit den Gefiederten “unterhalten”, indem ich ihre “Sprache” imitierte, gackerte und gurrte mit den Weibern, krähte mit dem Kerl um die Wette. Machte ihn auf diese Weise gegen den vermeintlichen Rivalen so “wuschig” wild, dass er mich mit den Krallen voran ansprang und natürlich so im Zaun landete. Meinen Onkel amüsierte das besonders. Gegen die sich aufregende Nachbarschaft in den Mietskasernen nahm er mich, seinen kleinen Lorbas, wie er mich oft nannte, nur zu gern in Schutz.

Nun aber sollte ich solch ein Vieh vom Leben in den Tod befördern. Onkel Herbert machte es vor. Er nahm eines der braun Gefiederten in die linke, das Beil in die rechte Hand, vorab schnell dem Huhn den Hals lang gemacht, seinen Kopf auf den Hauklotz praktiziert, ein scharfer Schnitt durch die Luft und ab war der Kopf!

Doch Ausruhen war nicht angebracht, um diese Zeremonie nachzuvollziehen. Junge-junge, war das schwierig, ein wild gewordenes Exemplar zu ergreifen! Endlich gefasst, flatterte es stark mit den Flügeln, befreite sich von mir und verlängerte sein Leben um zwei Minuten, bis ich es wieder ergriffen hatte!

Onkel Herbert zeigte mir die Art, Füße und Flügel mit einer Hand gleichzeitig festzuhalten – so, nun den Hals langgezogen und den Kopf auf den Hauklotz!

Aber es verdrehte seinen Hals immer mehr. So wollte ich es beruhigen und streichelte seinen Kopf. Das war aber in den Augen von Onkel Herbert der größte Fehler! Er schimpfte mich aus und mir verging die “Lust am Schlachten”. Resolut wies er mich an, den Akt zu vollenden.

Ja, ich hatte nicht den Wumm, es mit einem Schlag zu schaffen und wollte danach das wild hin und her zappelnde Vieh fallen lassen. Wieder ereilte mich die Schimpfe!

Seine Frau, Tante Lenchen hatte ein Einsehen mit mir und übernahm die restlichen Arbeiten des Rupfens und Ausnehmens.

Ob mir der Sonntagsbraten danach mundete? Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Viele Jahre später:

  • ich war schon verheiratet und Mitte 40,
  • hatte ein Haus mit gut Land dabei in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein,
  • Kinder waren gezeugt und auch ein kleiner Hühnerhof unser eigen.

Dann kam für mich unvermeidlich, was kommen musste, der Zeitpunkt der “Essen vorbereitenden Maßnahmen”.

Wir hatten meine lieben Schwiegereltern zu Besuch. Sie, beide auf dem Land groß geworden, waren den Umgang mit vielen verschieden Tieren gewohnt. Die Situation erkennend schob mich der Altvordere freundlich zur Seite, erlöste mich so von der anstehenden Hühnerexekution. Mir wurde schon vom Zusehen schlecht, denn er benutzte nicht den bereitgestellten Hauklotz. Er griff das Huhn, band ihm die Flügel und Beine nach hinten zusammen, öffnete den Schnabel und schnitt mit einer Schere rechts und links die dort verlaufenden Adern durch. Dann hängte er den zuckenden Vogel zum Ausbluten über den Zaun. Da verließ ich schnell die Richtstätte.

Besonderen Appetit hatte ich an dem Essen nicht entwickeln können. War nur froh, dass meine kleinen Kinder nicht wie ich Erfahrungen dieser speziellen Art machen mussten.

Nach weiteren 20 Jahren und verschiedenen “Anleitungen” durch meinen lieben Schwiegervater bei ihnen auf dem Hof an Schwein, Huhn und Aalen habe ich es noch immer nicht gelernt, müsste sozusagen verhungern oder Vegetarier werden!

Ich – ich habe mich für die Fiktion Vegetarier entschieden: Solange mein Essen vorher auf vier Beinen auf der Weide gestanden hat (bei Fisch und Geflügel gilt sinngemäß das gleiche), bin ich zufrieden. Ich gehöre damit zur Spezies der eingefleischten Vegetarier.

Ja richtig, aus dieser Sicht bin ich bis heute ein Großstädter geblieben, obwohl ich nun schon über 40 Jahre “auf dem Lande” wohne.

 

 

 

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