„Lieber Leierkastenmann…

…fang‘ nochmal von vorne an, deine alten Melodien von der schönen Stadt Berlin…“ So fängt ein populäres Chanson über Berlin an, das Bully Buhlan in den 1950er Jahren gesungen hat. Natürlich konnten wir den Text mitsingen, denn er schilderte in treffender Weise, wie es damals war, in der Nachkriegszeit, als Leierkastenmänner mit ihren Drehorgeln durch die Berliner Hinterhöfe tingelten, um ein paar Groschen Trinkgeld zu erhaschen. Während sie ihr Repertoire durchleierten, tanzten die kleinen Kinder auf dem Hof herum und sammelten die paar Groschen ein, die die Hausbewohner aus den Küchenfenstern in Zeitungspapier eingewickelt herunter warfen, um sie auf den Kasten abzulegen. Der eine oder andere hatte mal einen Affen an einer Leine bei sich, der auf dem Kasten herumturnte, ein anderer hatte einen Hund, selten kam ein Kind mit, aber meistens waren die Männer allein. Dass mal einer mitgesungen hatte, kam ganz selten vor. Es gab damals Gaumen-plättchen, mit denen man vortrefflich pfeifen und trällern konnte. Beim Sportpalastwalzer pfiff dann der Leierkastenmann gerne mit. Reich werden konnte man mit diesem Freizeitvergnügen sicher nicht, denn die Drehorgeln wurden verliehen. Selber leisten konnte sich dies sicher niemand, denn sie mussten gewartet werden und letztlich konnte man ja auch nicht ewig die gleichen Lieder spielen.

Natürlich waren die Leierkästen keine Nachkriegserscheinung, die gab es auch lange vor dem Krieg, nur daran erinnere ich mich nicht, denn im „Dritten Reich“ waren sie so gut wie ausgestorben. Die Drehorgeln, mit denen sich die Leierkastenmänner im Nachkriegs-Berlin auf den Weg machten, waren alle auf einem Rädergestell montiert. In den frühen Jahren waren es einfache Holzräder mit Eisenbeschlag, später dann bekamen sie luftbereifte Gummiräder. Seltene kleine Orgeln konnte man sich an einer Trageschlinge über die Schulter werfen, sie hatten keine Räder, dafür aber einen Standfuß und weil sie nicht so laut waren, standen die Männer meistens dort, wo viele Menschen vorbei kamen.

Mit einem Schwengel wird ein Luftbalg gefüllt, der seinen Inhalt dosiert an echte Pfeifen angibt. Wie das funktionierte, hatte ich mir mal erklären lassen. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde auch ein Rollensystem durch den besagten Schwengel angetrieben. Dieses bewegte ein gestanztes Pappband über die Ventile, die dann die Pfeifen bedienten. Die Papprolle war endlos und wurde mit einer Arretiervorrichtung auf Spur gehalten. Mit der Arretierschraube konnte man das gesamte Repertoire einstellen, das sich nebeneinander auf dem Band befand. Offenbar hatten es die Programmierer geschafft, alle Stücke gleichlang einzustellen, so dass der Leierkastenmann beim Umschalten immer von vorn anfangen konnte.

Für mich gehören die Leierkästendarbietungen auf den Berliner Hinter-höfen zu den unvergesslichen Jugenderlebnissen, die sich fest ein-prägten. Nach 1960, als ich aus Neukölln in ein Neubauviertel umzog und erst recht nach meiner Übersiedlung aus Westberlin nach „Westdeutschland“ habe ich nie mehr bewusst einen Leierkasten in freier Wildbahn gehört. Es gibt sie aber immer noch, doch heute steckt in dem ähnlich geformten Kasten Elektronik und statt Orgelpfeifen Lautsprecher, die so ähnlich klingen.

Dass ein solches Instrument im Zeitalter des „walkman“ oder des iPhone noch eine Chance hat, ist stark zu bezweifeln, aber dass es das trotz allem noch gibt, hängt sicher mit dem Traditionsbewusstsein zusammen. Als meine Schwester vor einiger Zeit 70 Jahre alt wurde, haben ihr ihre Gäste einen Drehorgelmann bestellt, der ihr eine Stunde lang Geburts-tagsständchen brachte. Das hat sie sehr genossen, wie sie mir schrieb. Auf dem Foto, das sie mir schickte, sieht man das auch. (Kurz danach hat sie ihre Kneipe aus Alters- und Krankheitsgründen geschlossen.)

Wenn ich mir dieses Bild ansehe, summe ich leise den Refrain mit:

„…fang noch mal von vorne an!“

 

 

 

Über den Autor

Fritz Schukat

Jahrgang 1935
Prüfdienstleiter

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