Erinnerung an die Schulzeit

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Ich bin gerne zur Schule gegangen. Eingeschult wurde ich in den Kriegsjahren im südlichen Schwarzwald. Nach den ersten heftigen Bombenangriffen hatten wir meine Heimatstadt verlassen und uns in den Schwarzwald zurückgezogen. Hier erlebten wir dann auch das Kriegsende.

An mein erstes Schuljahr kann ich mich kaum erinnern. Ich weiß auch nicht, ob ich eine Schultüte bekommen habe. Ich weiß nur, dass dem Erlernen des Alphabets Fingerübungen vorausgingen. Wir mussten Linien und Bögen auf unsere Schiefertafeln malen. Danach erlernten wir die lateinischen Buchstaben, die großen und die kleinen. Wir befassten uns nebenbei auch mit der Sütterlinschrift, die ich heute noch lesen, aber nicht schreiben kann. Neben Lesen und Schreiben mussten wir auch Singen. Das wurde sogar benotet. Ich sang das schöne Lied: „Du hast Glück bei der Flak Erna Sack!“ und erhielt dafür ein mir nicht verständliches Mangelhaft. Das Fach Musik war bei mir auch in den späteren Jahren nicht beliebt. Die Noten blieben im unteren Bereich.

Nach der Rückkehr in die Heimat wurde ich in die zweite Klasse eingeschult. Drei Jahre lang musste ich die Volksschule an der Wasserstraße besuchen. Die Aufnahme auf das Goethe-Gymnasium habe ich dann nicht geschafft. Das Diktat war völlig misslungen. Ich war zu aufgeregt. Ich hatte mich aber schon von meinen Klassen-kameraden in der Volksschule verabschiedet. Auf die Frage, ob ich die Prüfung bestanden hätte, antwortete ich mit einem forschen JA. Zu meinem Glück gab es noch die Jacob-Mayer-Realschule. Die Aufnahmeprüfung bestand ich mit Ach und Krach. Von da an ent-wickelte ich mich zu einem Prüfungsprofi.

Die sechs Jahre Realschule bereiteten mir keine Schwierigkeiten. Ich interessierte mich für Sprachen und Mathematik. Unsere Mathe-matiklehrer waren Respektspersonen. Peter S. war von untersetzter Gestalt und hatte einen mächtigen Spitzbauch. Er war für Algebra und Geometrie zuständig und erschien immer mit einem großen hölzernen Winkel-Dreieck und einem großen Zirkel. Nach dem Unterricht nahm er diese Utensilien wieder mit. Er war ein herzens-guter Mensch, der seine Güte unter einer rauen Schale verbarg. Ich hatte einen guten Kontakt zu ihm. Es schien so, als würden wir uns gegenseitig schätzen. Ich war ihm wohl aufgefallen, weil ich bei einer Klassenarbeit als Einziger alles richtig gemacht hatte. „Wir Mathe-matiker!“ wurde zum geflügelten Wort und er meinte sich und mich damit. Ich gebe es zu. Ich bin heute noch stolz darauf. Unser Mathematiklehrer zum Ende der Schulzeit war im Krieg U-Boot-Fahrer gewesen und schon allein aus diesem Grunde für uns interessant.

R. war unser Klassenlehrer. Bei ihm hatten wir Französisch und Geografie. Anfänglich mochten wir uns überhaupt nicht. Er hatte mich mal fürchterlich verprügelt, weil ich die Schweizer Seen nicht kannte. Jedes Mal, wenn ich auf der Landkarte auf einen See zeigte und den falschen Namen dazu sagte, bekam ich eine Ohrfeige. Und die Schweiz hat viele Seen. Später haben wir uns dann vertragen.

In der Schule entwickeln sich Freundschaften. Einige sind sogar von Dauer. So auch die Freundschaft zwischen Ottokar und mir. Wir waren sechs lange Jahre Banknachbarn und haben alle Höhen und Tiefen gemeinsam erlebt und ertragen. Wir haben voneinander abgeschrieben und uns gegenseitig geholfen. Wir waren immer füreinander da. Das ist auch heute noch so. Wir haben die Ferien gemeinsam verbracht und uns zu Geburtstagen und Familienfesten eingeladen. Wir haben auch Auslandsreisen unternommen und unsere Sprachkenntnisse vertieft. Ottokar ist sehr religiös. Er hat mir mal erzählt, wie es dazu gekommen ist. Ich habe es verstanden und achte es. Er hat aber nie versucht, mich zu missionieren. Er nimmt mich so, wie ich bin. Das wird wohl auch der Grund sein, warum unsere Freundschaft hält.

Lehre, Studium und Beruf erweiterten mein Wissen. Ich habe immer versucht, das Wissen anzuwenden und an andere weiter zu geben. Ich war zeitweise in der Berufsausbildung tätig und habe dort gelernt, komplizierte Sachverhalte verständlich darzustellen. Das kann man aber nur, wenn man schwierige Vorgänge selbst auch verstanden hat. Und wenn man etwas nicht weiß, dann sollte man das zugeben. Eine falsche Information ist schädlicher, als eine nicht gegebene. Dazu gehört Mut. Wer gibt schon gerne zu, dass er etwas nicht weiß. Der ehrliche Umgang miteinander schafft Vertrauen.

Das menschliche Miteinander fordert auch im Alter Hintergrund-wissen. Auch hier muss man ständig dazulernen. Und ist es nicht ein schönes Gefühl, wenn die eigenen Kinder um Rat fragen? Man wird noch gebraucht. Das alles setzt geistige Präsens und Aufnahme-bereitschaft voraus.

erstellt am 04.06.2010

Über den Autor

Uwe Neveling

Jahrgang 1937
Systemanalytiker

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