Ein Ruhepol

E

Es hatte kräftig geschneit. Die Zweige der Nadelbäume konnten die Schneelast kaum noch tragen. Die Last drückte die Zweige tief nach unten. An den kürzeren Zweigen und an den Baumspitzen hatten sich Schneehauben gebildet. Bäume und Untergrund verschmolzen zu einer weißen Einheit. Aus der Ferne sahen die Bäume wie Schneemenschen aus.

Es war ruhig im Tannenwald. Vor mir lag unberührter Schnee. Ein Schritt und der Schnee wurde unter meinen Füßen zusammen-gepresst. Das Gleiche geschah mit dem Luftpolster unter der Schneedecke. Der Schnee atmete aus und gab knirschende Geräusche von sich. In der Ferne hörte man Kirchenglocken. Sonst war es ruhig, angenehm ruhig. Vom Hauptweg gingen Nebenwege ab, die hinter dem Schneehorizont verschwanden.

Die ersten Häuser des kleinen Ortes konnte man schon erahnen. Gelegentlich sah man flackernde Lichter in den Fenstern. Es waren die brennenden Kerzen am Weihnachtsbaum, die – so seltsam es klingen mag – die heimelige Atmosphäre des Waldes verstärkten. Zwischen den Bäumen konnte man den Sternenhimmel sehen. Er war wolkenlos. Die fernen Lichtquellen tauchten den Wald in ein erhabenes Licht, das vom Schnee reflektiert und verstärkt wurde.

Ob drinnen oder draußen, Heiligabend ist immer dann schön, wenn es ruhig und friedlich zugeht. Lärm und Hektik gehören auch zu den sogenannten Festtagen; der Heilige Abend sollte jedoch ein Ruhepol im Dezember sein.

erstellt am 05.09.2010

 

 

Über den Autor

Uwe Neveling

Jahrgang 1937
Systemanalytiker

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