Ein Ritter vor der Waldschule

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 (von Hans Meier)

Es war 1964 in der Quickborner Heide, als sich ein Schauspiel besonderer Art in der Ulzburger Landstraße bot. Ein Ritter mit langer Lanze ritt auf einem Schimmel in Richtung Waldschule. Ein amerikanisches Cabriolet fuhr nebenher, eine Kamera mit Dreibein stand auf den Rücksitz des Ami-Schlittens. Der Kameramann wird wohl seine Mühe gehabt haben, während der Fahrt den Reiter sauber in den Kasten zu kriegen.

Hier wurde ein Waschmittel-Werbespot gedreht, die Firma Ajax war der Auftraggeber. Einige Szenen wurden auch in der Nord-Heide gedreht. So sah man später im abendlichen schwarz/weiß Fernsehprogramm einen Ritter durch die Lande ziehen, der schmutzige Kinderhemden im Vorbeireiten mit seiner langen weißen Lanze zu berühren schien. Ein Blitz ging über den Bildschirm und – zack – hatten Kinder, Köche, Hausfrauen strahlend weiße T-Shirts, Schürzen und Hemden an. Während dessen wurde gesungen:

Das Neue Ajax-Vollwaschmittel ist stärker als Schmutz.”

Eine geplagte Hausfrau erschien in dem Spot auf dem Bildschirm, wie sie mit ihrem voll beladenen Wäschekorb in den Keller geht. Während sie ihn neben der Waschmaschine abstellt, spricht sie davon, dass von ihren drei Kindern viel Wäsche anfalle und zeigte den Zuschauern die kleinen bunten Körner im Dosierbecher, die die Kraft hätten, den strahlenden Glanz in die Wäsche zu zaubern. Danach kommt wieder der Ritter, der durch die Quickborner Heide reitet, um sein Können nochmals zu demonstrieren. Dabei hörte man aus dem Lautsprecher:

„Ajax-Vollwaschmittel
Entfesselt das Weiß, ermuntert das Bunt”

Zum Schluss gab es noch einmal die Packung im Bild zusehen:

Ajax, Vollwaschmittel – schaumkontrolliert“.

Ein weißer Ritter im Galopp zierte die Frontseite. Damit war der einminütige Spot schließlich zu Ende.

Ausgerechnet vor der Waldschule machte das Werbeteam eine Drehunterbrechung. Das blieb natürlich nicht unbemerkt, denn die gegenüberliegende Schule hatte gerade Pause und viele Kinder kamen staunend heran. Eine echter Ritter, dessen Rüstung in der Sonne strahlte, erstaunte nicht nur die Kleinen, den Erwachsenen ging es wahrscheinlich nicht anders! Diese unverhoffte Augenweide wurde nur ein bisschen von der Zurechtweisung gedämpft, dass die abgelegte Rüstung nicht berührt werden dürfte. Überhaupt, so etwas hatten die Schüler noch nie gesehen und vergaßen ganz dabei, dass ihre Pause längst zu Ende war.

Zu dem Zeitpunkt hatte eine Lehrerin gerade hohen Besuch aus Kiel. Als die Pädagogin mit diesem in ihre Klasse eintrat, befand sie sich unversehens in Erklärungsnot. Wo waren die Kinder, wenn sie auch nicht auf dem Pausenhof zu sehen waren? Natürlich wurde nachher mit den Kindern ein ernstes Wörtchen gesprochen.

 

 

 

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