Die weiße Hand

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Es war 1945, die Amerikaner waren bei uns einmarschiert. „Jetzt ist der Krieg endlich vorbei“, hörte ich immer die Erwachsenen reden. Die Bedeutung der Worte konnte ich damals mit meinen sechs Jahren noch nicht richtig bewerten, aber eins wusste ich schon, nicht mehr in den Keller und nicht mehr diese schlimmen Bomben.

Wir wohnten, nach dem wir zweimal in Hannover total ausgebombt waren, in Sarstedt am Ende einer Straße in einer Baracke. Wenn auch die Amerikaner bei uns zuerst einmarschiert waren, so gab es jetzt nur noch Engländer: wir waren Britische Besatzungszone. Bis zu unserer Baracke war die Straße von den Engländern beschlagnahmt worden. Alle Bewohner mussten ihre Häuser räumen, sie zogen zu Verwandten oder zu uns in die Baracken. Am Ende der Straße war ein hoher Drahtzaun gezogen worden. Mein Schulweg ging nun für ein paar Jahre durch Gärten, Felder und eine Sauerkirschplantage. Dieses war für uns Kinder im Sommer interessant, wenn auch der Bauer aufpasste, er konnte ja nicht überall sein und so wussten wir wenigstens, wie Kirschen schmeckten.

Oft standen wir Kinder an dem Zaun und beobachteten das Leben hinter dem Draht. Die Soldaten waren zu uns Kindern immer sehr freundlich. Es wurde von drüben herüber gewunken und wir winkten zurück. Um dieses beschlagnahmte Gebiet patrouillierten in bestimmten Abständen immer zwei Soldaten. Wir Kinder hüpften dann oft auf unserer Seite nebenher. Manchmal bekamen wir durch den Maschendraht auch schon mal ein paar Kekse oder ein Bonbon. Da ich ein sehr schüchternes Kind war, lief ich meistens in zweiter Reihe mit und bekam dann nicht immer etwas ab. Einmal war ich aber doch sehr mutig und ging auf das Winken eines Soldaten dicht an den Zaun. Dieses Mal ging ein weißer und ein schwarzer Soldat Streife. Einen „Neger“ kannte ich nur von Buchzeichnungen und dort hießen er „Mohr“, in natura hatte ich bis dahin noch keinen gesehen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und streckte meine kleine Hand durch den Zaun, um nach dem Kaugummi zu greifen. Der „Neger“ reichte seine Hand. Ich schaute auf sie und habe mich fürchterlich erschrocken, ich lief schreiend davon. Bei meiner Mutter suchte ich Schutz. Nachdem ich mich beruhigt hatte, konnte ich ihr erzählen, was mir so Angst gemacht hatte. „Der Soldat war schwarz und hatte eine andere Hand“, erzählte ich. Mutti wusste nicht, was sie antworten sollte, sie verstand mich nicht. Nach vielen Fragen kam heraus, ich hatte mich vor der weißen Hand-innenfläche erschrocken. Woher sollte ich auch wissen, dass die Handinnenflächen farbiger Menschen heller sind. Ein Kaugummi habe ich danach nur aus dritter Hand bekommen, denn an den Zaun bin ich nicht mehr herangetreten.  

Über den Autor

Annemarie Lemster

Jahrgang 1938
Verkäuferin

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