Die Mauer

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Nein, nicht Ulbrichts Mauer. Unser Autor beschreibt sehr nachdenklich und einfühlsam seinen Religionslehrer, der durch seine modernen Ansichten und durch Einfühlungsvermögen bei den Schülern sehr beliebt war. Hier geht es au­ßerdem um einen Film, an den sich sicher viele erinnern werden.

Aber lesen Sie selbst!

Mauern sind in der Regel Begrenzungen. Mauern haben eine Innen- und eine Außenseite. Ist die Mauer hoch, so weiß man oftmals nicht, was sich auf der anderen Seite befindet. Eine Mauer muss nicht immer aus Stein sein. Sichtblenden und Bretterzäune haben die gleiche Wirkung, nur ist eine Stein­mauer stabiler.

Ich erinnere mich an eine Stunde im Religionsunterricht. Unser Religionslehrer war ein junger Vikar. Er kam aus dem nördlichen Sauerland. Wir mochten ihn, weil er auf unsere Probleme einging. Er scheute kein Thema und besprach es mit uns aus religiöser Sicht. Dazu gehörten auch Sexualität und Jazz, um nur einmal die extremen Eckpunkte zu nennen. In den fünfziger Jahren waren das bei den älteren Lehrkräften Tabu-themen. Er war für uns eine Vertrauensperson. Wir freuten uns jedes Mal auf das gemeinsame Zeltlager mit ihm. Bei den Ausflügen wusste er immer Wissenswertes über Land und Leute zu berichten. Mit seinem sauerländischen Humor gab er seinen Erzählungen sehr oft eine überraschende Wendung. Ei-nes Tages berichtete er von einem Kinobesuch.

Er hatte den Film „Lohn der Angst“ gesehen. Es ging dabei um eine brennende Ölquelle, die mit Nitroglycerin gelöscht werden sollte. Das hochexplosive Glycerin musste von weit her zum Bohrloch transportiert werden. Es wurde auf zwei Lastwagen verladen. Die Fahrzeuge fuhren in gehörigen Abständen durch unwegsames Gelände. Ein Wagen explodierte. Die Explosion zerriss eine Ölleitung, und das Öl bildete einen pechschwarzen Ölsee. Der zweite Wagen musste da durch. Der Fahrer ließ sich von seinem Beifahrer durch den See lotsen. Dieser watete, rückwärtsgehend, durch die klebrige Masse. Er blieb an einem im Öl verdeckt liegenden dicken Baumstamm hängen und konnte sich vor dem auf ihn zurollenden Wagen nicht mehr in Sicherheit bringen. Der Wagen fuhr über seine Beine und verletzte ihn schwer. Es gelang dem Fahrer, den Wagen auf die andere Seite zu bringen. Erst dann konnte er sich um seinen verletzten Kameraden kümmern. Er zog ihn aus dem See und hob ihn in die Fahrzeugkabine:

Der Verletzte fiebert und fantasiert. Seine Verletzungen sind tödlich. Der Fahrer redet verzweifelt auf ihn ein. Der Verletzte meint, in Paris zu sein. Er geht durch eine Straße. Auf einer Seite dieser Straße ist ein Bretterzaun. Diese Straße kenne ich auch, sagt der Fahrer. Der Verletzte will wissen, was sich hinter dem Bretterzaun befindet. Daraufhin sagt der Fahrer: Nichts! Sein Kumpel stirbt.

Diesen Dialog machte unser Vikar zum Thema einer Religi-onsstunde. Das Nichts wollte er nicht gelten lassen. Nach dem Tod existieren wir in einer anderen Form weiter, so seine Aussage. Und er diskutierte mit uns über Glaubensfragen. Er empfahl uns, dass wir uns diesen Film ansehen sollten. Das taten wir auch. Ich muss zugeben, dass ich diesen Film mehr-mals gesehen habe. Und ich fieberte immer wieder diesem Dialog entgegen. Dabei musste ich an die Religionsstunde denken. Glauben ist nicht Wissen. Glauben ist aber stärker als Wissen. Das habe ich in dieser einen Stunde gelernt und in meinem Inneren aufbewahrt. Meinen Religionslehrer habe ich nach der Schule ein- oder zweimal wiedergesehen. Danach nicht mehr. Vergessen habe ich ihn nicht.

Von dem Film habe ich eine Video-Kopie. Ich sehe ihn mir ge-legentlich an, und ich durchlebe dann noch einmal die Religi-onsstunde. Ich bin dann wieder 16 Jahre alt und neugierig auf die Zeit, die vor mir liegt. Und ich möchte gerne erfahren, was hinter der Mauer ist.

Über den Autor

Uwe Neveling

Jahrgang 1937
Systemanalytiker

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