Die Luftbrücke

D

Vor einigen Jahren (in 2004) lief im Fernsehen ein Film mit diesem Titel. Er wurde groß rausgestellt und ich meinte, den müsste ich mir ansehen.

Ich bin in Berlin-Neukölln geboren und war, als die Sowjets unter Stalin 1948 Westberlin abriegelten, gerade zwölfeinhalb Jahre alt. Ich erlebte also als pubertierender Knabe genau die Zeit, die in dem Film „behandelt“ wurde. Bis jetzt glaubte ich, dass ich daran eigentlich eine ziemlich genaue Erinnerung hätte – aber Pustekuchen, der Film stellt das alles ganz anders dar. Es ist ja möglich, dass ich einiges vergessen habe, aber das da, was in dem Flimmerkasten ablief, brachte mich nach etwa einer halben Stunde in Rage.

So war das doch gar nicht, pflaumte ich ständig rum und regte mich mal über die falsche Berlin-Kulisse auf, mal über die albernen, offenbar am Computer generierten Konvoi-Flüge, in denen man immer nur einen einzigen Flugzeugtyp sah. Das ist flugtechnisch völlig unmöglich, so was glaubt doch nicht einmal Tante Emma, meckerte ich den Apparat an. Meine Frau war längst rausgegangen.

Auch die gedrechselte Liebesgeschichte kann kein Zeitzeuge ernst nehmen, so etwas hat es in dieser Form natürlich nicht gegeben. So dämlich hätte sich auch ein General der Amis überhaupt nicht benehmen können! Er hätte immer einen „Aufpasser“ also einen Chauffeur oder jedenfalls einen Waffenträger dabei gehabt. Und allein mit einem Jeep durch Berlin zu fahren, wäre damals ebenfalls unmöglich gewesen. Ein Militärfahrzeug konnte und kann man bei keiner Truppe der Welt so fremd verwenden, wie es in dem Film gezeigt wurde.

Und im Übrigen gab es auch keine öffentlichen Tanzlokale, in denen Amerikaner verkehrten und deutsche Damen einfach Einlass gehabt hätten. Die Amerikaner kapselten sich völlig ab und Kontakt mit der Zivilbevölkerung war selbst Jahre später, als wir lange schon wieder ein selbständiger Staat waren und die Amis nur noch als Schutztruppe hier verweilten, eher die Ausnahme. In den Jahren nach dem Krieg bis zum Ende der Blockade Mitte 1949 konnten die Familien der Soldaten sowieso noch nicht mit zu den Standorten ziehen, das gab es erst später. Die so freizügigen Tanzvergnügen mit deutschen Mädchen gab es sicher, aber die Damen waren handverlesen und einfach da so reinschneien, das war unmöglich. Diese Damen hatten auch keinen guten Ruf in der Bevölkerung. Das ist nach einem verlorenen Krieg überall in der Welt so und wird wohl auch immer so bleiben.

Die ersten Flugzeuge landeten mitten in Berlin, auf dem Zentralflughafen Tempelhof. Der wurde im Dritten Reich mit großem Aufwand erbaut, wahrscheinlich auch von Speer geplant mit gewaltigen Flugzeughallen, die sich im Halbkreis mehrere hundert Meter lang hinstrecken. Für die damalige Zeit riesig, heute eher „Provinz“, aber wer wusste denn, wie sich das mal entwickeln würde. Der Flugplatz wurde auf dem Tempelhofer Feld gebaut, das war zu Kaisers Zeiten noch der Paradeplatz und Aufmarschplatz für die kaiserliche Garde. Angeschlossen waren auch Schießstände, die aber bei dem Bau des Flughafens weichen mussten. In der Mitte lag sogar mal ein kleiner See, der „Schlangen-Pfuhl“. Mit dem Bau der Landebahnen verschwand auch dieser Tümpel. Das „Tempelhofer Feld“ – im Volksmund heißt es zumindest bei den Älteren auch heute noch so – grenzte im Norden und Osten an Kreuzberg und Neukölln, zum Süden hin natürlich an das Weichbild des Bezirks Tempelhof. Die Landebahnen gingen in Ost-West-Richtung, also über Neukölln und Kreuzberg / Schöneberg.

Die Rosinenbomber – den Namen erhielten sie, weil sie Süßigkeiten an kleinen selbst gebastelten Taschentuchfallschirmen aus den Cockpits warfen –  kamen meist über Neukölln herein und wurden dann an die Hallen herangeleitet. Da die Flieger am Tage im Dreiminutenabstand flogen, war das schon ein Bild, aber auch gefährlich, so wurde dann zum Erhöhen der Flugsicherheit auf einen der vielen Friedhöfe, die direkt am Tempelhofer Feld auf Neuköllner Boden lagen, Lichtmasten gebaut, die die Einflugschneise markierten. Einige Gräber mussten dafür sogar exhumiert werden. Niemand protestierte, aber gemurrt wurde schon.

Der Flughafen war nur mit einfachem Maschendraht abgegrenzt, an manchen Stellen war er von dem Volk, das sich dort ständig gaffenderweise einfand, auch niedergetreten, weil man ja auch an die Taschentuchfallschirme kommen wollte, die sich „verirrt“ hatten. Selbstverständlich war ich mit meinen Freunden auch dabei, manchmal hatte man auch Glück und konnte sich solch kleines Ding aus der Luft „pflücken“. Spaß machte es allemal. Wenigstens das hat der Film annähernd richtig gezeigt.

Was mich allerdings am meisten ärgerte: der Straßenzug, der als angeblich typische Berliner Straße immer wieder im Geschehen zu sehen war, ist – wie ich in einer der vielen Vorankündigungen später las – ja gar nicht in Berlin gefilmt worden, sondern in Budapest. Ein echter Berliner muss sich verhonepiepelt vorkommen, denn es gibt ja immer noch die typischen Berliner Straßen im Baustil der frühen Jahre nach der vorletzten Jahrhundertwende, im so genannten Zuckerbäckerstil. Aber die sind so schön renoviert worden, dass das dann auch unwirklich ausgesehen hätte. Nein, solche Häuser, wie sie der Film zeigt, gab und gibt es in Berlin nicht. Durch eine solche breite Straße wäre übrigens auch eine Straßenbahn geführt worden. Man hätte also Schienen sehen müssen. Apropos Straßenbahnen, auch diese Kulisse war unecht.  Die Straßenbahnen, die ich glaube gesehen zu haben, fuhren in Berlin in den 1920er Jahren, als es noch keine BVG gab. Nach dem Zusammenschluss der Berliner Verkehrsbetriebe Ende der 1920er Jahre, nannte sich das Ganze dann BVG (Berliner Verkehrsbetriebe) und sämtliche Fahrzeuge wurden knallgelb angestrichen. Aus Erzählungen und Zeitungen erinnere ich mich noch an die Abkürzung „ABOAG“ (Allgemeine Berliner Omnibus AG), die bis dahin die Busse und wahrscheinlich auch die Straßenbahnen betrieb.

Wenn ich nun noch weiter motze, müsste ich auch noch erwähnen, dass die Flieger nur in den ersten Monaten so aussahen, wie der Film sie zeigt, später waren es dann ziemlich große Apparate, die angeblich die dreifache Kapazität hatten. Es gab natürlich auch schlimme Unfälle. An einem „schwarzen Freitag“ rasselten in Tempelhof drei Flieger ineinander und eines der Flugzeuge ist auch einmal in Schöneberg in ein Wohnhaus gestürzt. Wenn man die Kapazitäten nimmt, die insgesamt über die Luftbrücke nach Berlin geschafft wurden, dann bewegen sich die Unfälle wohl im Promille-Bereich, aber sie waren spektakulär und die Berliner waren selbstverständlich immer tief betroffen.

Die politischen Verhältnisse sind wir natürlich nicht gewahr geworden, aber es war nicht so, dass man nicht in den Ostsektor gehen konnte, im Gegenteil, viele Westberliner besorgten sich „ihr“ Brot aus dem Ostsektor. Die Neuköllner gingen gern zu Fuß nach Treptow, das waren von uns vielleicht 2 km Fußweg. Aber bald war das dann doch verpönt. Die Durchhalteparolen des Berliner Senats und der Parteien hatten letztlich Erfolg, wir wollten das „Ostbrot“ nicht mehr. Schließlich kam dann unter uns Kindern auch der Ausdruck auf: „… der is ja doof wie Ostbrot“. Kann man mal sehen, wie solche Parolen auch in „Demokratien“ wirken!

In Tegel wurde noch während der Blockade im Eiltempo ein weiterer Flughafen aus der Erde gestampft. Tegel lag im französischen Sektor, im Norden Berlins. Dort wurde die Jungfernheide, ein großes Heide- und Waldgebiet, fast vollständig abgeholzt und plan gewalzt.

Dieser Flughafen wurde jedoch erst im Frühjahr 1949 fertig und viel Luftbrücken-Flugverkehr fand dort dann wohl nicht mehr statt. Wenn man der Historikerin Brigitte Seebacher-Brandt, der Witwe des Alt-Bundeskanzler Willy Brandt, glauben wollte, dann haben sich die Franzosen, wie sie aus Gesprächen mit ihrem Mann und anderen Politikern erfahren haben will, nur ein einziges Mal mit einer „Ju 52“ an der Luftbrücke beteiligt. Sie hat allerdings für diese Äußerung viel Schelte bekommen. Gefühlsmäßig tendiere ich aber auch zu dieser Auffassung. Nebenbei bemerkt, wurde der Personenflugverkehr erst Mitte der 1960er Jahre von dort  aufgenommen. Wir wohnten damals in Reinickendorf, also in unmittelbarer Nähe der damaligen Abfertigungsgebäude. Wenn die Caravelle der Air France die Turbinen, die damals noch nicht schallgedämmt waren, hochfuhr, wackelte in unserem Küchenschrank das Porzellan! Erst viel später wurde Tegel dann zum Großflughafen für Berlin ausgebaut.

Nun habe ich den Film doch noch kommentiert, sogar an manchen Stellen verrissen, was gar nicht meine Absicht war, aber als Zeitzeuge möchte man eigentlich alles minutiös dargestellt wissen, nur dann wäre der Film wahrscheinlich nicht so dramatisch geworden!

 ergänzt und redigiert 2011& 2018)

Über den Autor

Fritz Schukat

Jahrgang 1935
Prüfdienstleiter

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