Die Dorfschule

D

(von Ellen Probst)

Kiel gehörte mit dem Reichskriegshafen, seinen Marine-Einrichtungen und Werften frühzeitig zu den bevorzugten Zielen der britischen Bombergeschwader. Deshalb entschloss man sich schon 1940, die Schulkinder klassenweise im Rahmen der sog. Kinderlandverschickung (KLV) in Gebiete zu bringen, wo keine Angriffe zu befürchten waren. Selbstverständlich fuhren auch Lehrer und Betreuungspersonal mit.

Wir hatten die Möglichkeit, bei unseren Großeltern zu wohnen, die in einem Dorf in der Nähe von Büsum lebten. Dort ging ich dann auch in die Schule. Es war eine kleine Schule, sie hatte nur einen Klassenraum, in dem alle 8 Schuljahre (ca. 50 Kinder) von nur einem Lehrer unterrichtet wurden. Das war mit Sicherheit nicht einfach, aber es funktionierte, auch dank der Unterstützung der “Großen”, die mit uns jüngeren Schülerinnen und Schülern gelesen haben oder gelegentlich das „1×1“ abfragten etc. Inzwischen war es dann dem Lehrer möglich, sich gezielt um andere zu kümmern.

Aus heutiger Sicht ist es kaum vorstellbar, dass auch dort das Wissen für weiterführende Schulen vermittelt werden konnte. Es gab natürlich Fächer, wo alle zusammengefasst waren, z.B. “Musik”, was fast immer “Singen” bedeutete oder “Sport”, der aus “Hoch- u. Weitsprung, Laufen oder Ballspielen” bestand.

In dieser Schule war ich zunächst die einzige “Städterin” und unterschied mich in einem ganz deutlich von meinen Mitschülerinnen: Bubikopf und Hahnenkamm! Alle anderen Mädchen trugen Zöpfe. Ein paar Wochen später kamen zwei Schwestern dazu, auch aus Kiel wie ich und auch „Bubikopf und Hahnenkamm”. Wir wurden bewundert und beneidet, weil wir eine „Frisur” haben durften. Es war eine schöne Zeit dort. Auf den Bauernhöfen gab es genug zu essen, die Nordsee war nicht weit (4 km), es ließ sich herrlich baden und abends konnte man ohne Angst ins Bett gehen und die ganze Nacht ruhig schlafen.

Erst als ich umgeschult werden sollte, holte mich meine Mutter wieder zu sich. Sie war mit meinen Geschwistern bei den anderen Großeltern in der Nähe von Itzehoe untergekommen.

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