Der kleine Sadist

D

(von Heinz Münchow)

Es geschah Ende der zwanziger/Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ich war etwa vier oder fünf Jahre alt. Meine Eltern wollten – ohne Kind – verreisen und brachten mich zu meiner Großmutter.

Oma wohnte in einem Häuschen mit Garten und ich hatte in Hof und Garten Platz zum Spielen. Oma hatte sechs Kinder großgezogen und traute sich selbstverständlich zu, auch ihren Enkel zu betreuen.  Dieser Enkel bemächtigte sich Omas Lesehilfe, einer Lupe. Mit dieser Lupe stellte ich ‘optische Versuche’ an. Ich entdeckte, dass man bei Sonnenschein mit Lupe und Zeitungspapier Feuer machen konnte und wenn der ‘Brennpunkt’ etwa auf eine Fliege traf, war ihr Zustand im Nu “gasförmig”!

Wenn ich Oma nicht gehorchte, griff sie auf ihre Maßnahmen von früher zurück: Sie packte mich an den Schultern und schüttelte mich (meinen Eltern ‘petzte’ ich es, als sie mich abholten: „Oma hat mich gewackelt!“)

Beim Abendbrot schlug mein ‘Sadismus’ nochmals zu. Auf dem Käsebrett lag ein Stück Käse. Oma schnitt sich eine Scheibe ab. Ich bemerkte, dass sich aus dem Käse ein Würmchen schlängelte. Voller Interesse verfolgten meine Augen den Weg des Würmchens bis in Omas Mund. Ich hab’ nix gesagt!

Der Sadismus hat mich mein Leben lang nicht verlassen, z.B. bei meiner Schwiegermutter. In jedem Jahr wieder lud sie zum Grünkohl-Essen ein. Der Kohl wurde mit viel Wasser zubereitet, so dass im Suppenteller viel Flüssigkeit vorhanden war. Und alle Jahre wieder rührte ich mit meinem Löffel am Boden des Tellers – und alle Jahre wieder knirschte es – und alle Jahre wieder brach Schwieger-mutter in Tränen aus und verließ den Raum (murmelnd: ich hab den Kohl doch siebenmal gewaschen!). – Es gab trotzdem alle Jahre wieder Grünkohl.

Über den Autor

Ehemalige Autoren

Neueste Beiträge

Kategorien