Das weiße Tuch an der Fahnenstange

D

(von Bernd Schwiers)

Es soll am 6. Mai 1945 gewesen sein. Ich lebte damals mit meiner Mutter bei der Bahnwärterfamilie Schwab in Buchen, d.h. eigentlich wohnten wir außerhalb des Ortes, dort wo die Landstraße nach Eberstadt die Bahnstrecke Buchen-Seckach kreuzt. Diese „Landstraße” war damals eine Schotterstraße. Das Bahnwärterhaus war aus rotem Sandstein gebaut, eingeschossig, mit zwei Kammern unter dem Giebeldach. In einer dieser Kammern wohnte ich mit meiner Mutter, in der anderen eine Frau aus Mannheim, die ebenfalls das Kriegsende auf dem Lande verbringen wollte.

Dass wir bei der Bahnwärterfamilie Schwab unterkamen, war ein glücklicher Zufall, denn wir wurden dort gut behandelt. Dieser Zufall ereignete sich wie folgt: Bei der Rückkehr vom letzten Aufenthalt in Prag bei meinem Vater fand meine Mutter zu Hause in unserem Briefkasten in der Kriegsstraße 290 in Karlsruhe eine Benachrichtigung des NS-Frauenbundes vor. Darin wurde sie aufgefordert, sich mit mir am nächsten Tag in Karlsruhe auf dem Bahnhof einzufinden, um „evakuiert” zu werden. So nannte man damals das Verbringen der Stadtbevölkerung aufs Land zum Schutz vor den Bombenangriffen.

Das Ziel des Evakuierungszuges ist mir nicht bekannt. Jedenfalls war in Buchen im Odenwald erst einmal Halt. Die Reisenden wurden in einem großen Saal untergebracht. Wir schliefen dort mit vielen anderen auf Heu oder Stroh. Der Treck hatte mehrere Tage Aufenthalt in Buchen. Ein- oder mehrmals ging meine Mutter mit mir in die dortige (katholische) Kirche, um für die gesunde Rückkehr meines Vaters aus dem Krieg zu beten. Dies sah wohl Frau Schwab, denn sie meldete sich beim Pfarrer und sagte, diese Frau mit dem Kind, die sie in der Kirche gesehen hätte, möchte sie gerne aufnehmen. So kamen wir zur Bahnwärterfamilie Schwab, während der Treck weiter fuhr.

Wir hatten es gut dort und lebten bei den Schwabs wie echte Familienmitglieder. Ich spielte viel mit den beiden Kindern dort, einem Junge und einem Mädchen. Sie waren etwas älter als ich. Ich glaube, das Mädchen hieß Grete. Es waren die Enkel von Frau Schwab, die Kinder ihrer Tochter. Bahnwärterin war Frau Schwab. Herr Schwab war Streckenarbeiter.

Die Schwabs lebten einfach. Es gab weder Strom noch Wasser in dem Haus. Abends wurde beim Schein einer Petroleumlampe zusammen gesessen. Wasser wurde von einem Pumpbrunnen (mit Schwengel) geholt, der sich vor dem Haus, auf der gegenüberliegenden Straßenseite bei der Bahnwärterbude befand. In einem hölzernen Anbau rechts am Haus befand sich das Plumpsklo.

Oft zogen Gruppen von Soldaten an unserem Haus vorbei. Sie hielten dort meist, um an der Pumpe Wasser zu holten. Die Soldaten wurden von Frau Schwab immer bewirtet.

Kürzlich war das Schwein geschlachtet worden und es gab jetzt Blut- und Leberwurst und natürlich Schweineschmalz, alles in Weckgläsern. Mit dem Satz: „D’Soldate brauche Wurscht!” schmierte Frau Schwab die Brote und die Soldaten saßen essend in der Küche des Bahnwärterhauses.

Eines Tages hingen meine Mutter und Frau Schwab ein großes weißes Tuch an der Fahnenstange am Bahnwärterhaus heraus. Auch wir Kinder bekamen aus den Stoffresten kleine weiße Fahnen gemacht. Wir freuten uns darüber, liefen auf der Straße herum um schwenkten die Fahnen.

Später erzählten mir meine Eltern, dass die deutschen Truppen dort in Buchen bereits am 6. Mai kapituliert hätten, nicht erst am 8. Mai 1945, der ja der offizielle Kapitulationstag ist. In der Folgezeit fuhren nun andere Soldaten mit anderen Fahrzeugen am Bahnwärterhaus vorbei. Es waren Amerikaner, wie man mir sagte. Sie hielten nicht am Bahnwärterhaus. Sie hatten am Ortsausgang von Buchen ein Lager aufgebaut. Wir mussten dort immer vorbei, wenn wir auf der Straße in den Ort gingen.

Wenn wir sonntags mit den Schwabs in die Kirche gingen, liefen wir auf den Bahnschwellen auf direktem Weg in den Ort. In dem Lager der Amerikaner lief ständig ein Motor, wahrscheinlich ein Stromaggregat oder eine Pumpe, denn mit einem großen Rohr pumpten die Amerikaner Wasser aus dem Bach, der durch Buchen floss.

Wir Kinder spielten in den Wiesen und auf den Feldern in der Umgebung und sammelten die Patronenhülsen auf, die in den Gräben herumlagen.

 

 

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