Das merkwürdige Schlafzimmerbild

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Mein Vater lebte in den Nachkriegsjahren in Berlin-Neukölln mit unserer Stiefmutter in einer ganz kleinen Hinterhof-Wohnung, die nur aus Küche, Wohnzimmer, Flur und einem schmalen, dunklen Raum bestand, in dem sich das Klo befand. Man konnte sich dort kaum drehen, deshalb spielt es in meiner Erinnerung auch kaum eine Rolle. Vater hatte mit handwerklichem Geschick aus dieser Behausung ein ansehnliches Zuhause gemacht, aber die Räume konnte er auch nicht größer machen.

Wir Kinder wohnten aus Platzmangel noch einige Jahre bei den Großeltern. So war das eben damals. Aber weil sich die Familien noch bis in die späten 1950er Jahre nicht weit von einander entfernten, wohnten viele Tanten, Onkel und andere Verwandte in der Nähe und man konnte sich noch zu Fuß besuchen. Und feiern konnte man damals auch recht ordentlich, selbst in den kleinsten Hütten. Meist waren es ja die Geburtstage, die man mal hier und mal dort feierte. Und es floss auch immer reichlich Alkoholisches, wenn auch nicht bis zum Abwinken, denn Schnaps war seinerzeit in Berlin fast steuerfrei und kostete deshalb auch nur wenige „Märker“.

Wieder mal war bei Vatern und Lotte Geburtstagsfeier. Man kam zum Kaffeetrinken, „Blümchen“ nannte man das braune Zeugs verächtlich, weil es so dünn war, dass man den Boden sehen konnte, aber die Buttercreme-Torte war vierstöckig und der Streuselkuchen triefte regelrecht. Zucker und Margarine waren reichlich drinnen und dann gab’s noch kalte Ente aus Leibnizkeksen und Schokoladenguss. Abschließend gab es dann für die Damen Eierlikör oder Bommi mit Pflaume, für die Herren gab es natürlich die härteren Sachen, wie „Chantré“ oder so. Wir jungen Leute durften mal einen Eierlikör, aber nur ganz wenig! Anschließend gingen wir dann auf die Straße oder spielten in der Küche Karten oder sonst was, jedenfalls feierten die Jungen und die Alten eigentlich immer getrennt.

Länger als bis neun oder gar zehn Uhr wurde aber nicht gefeiert. Lotte räumte die kleine Wohnung auf und putzte noch in der Küche. Die Snapcouch war schon schlaffertig aufgeklappt, aber Vater setzte sich erst noch auf einen Stuhl, wo er dann für ein paar Minuten einschlief.

In dem Wohnzimmer, das sich also nachts in ein Schlafkabinett verwandelte, hing über dem Sofa ein Riesenbild. Ich weiß allerdings kaum noch Einzelheiten der Darstellung. Ich meine, es war ein dunkles Waldmotiv mit einem großen Tier, wohl einem Hirsch darauf. Wahrscheinlich war es doch ein Schlafzimmermotiv.  

Das Bild war etwa eins-fünfzig lang und einen halben Meter hoch, an den Ecken schräg abgestumpft, hatte einen recht breiten, biederen Goldrahmen und war verglast. Das Ganze muss also schon ein recht stattliches Gewicht gehabt haben. Hinten befand sich ein dickes Hanfseil, das an den Seiten irgendwie angenagelt war. An diesem Seil war es aufgehängt und austariert worden. Dazu befand sich ein Wahnsinnshaken in der Mauer, der wohl einst mit einem Vorschlaghammer dort eingeschlagen wurde. Eigentlich war das also doch eine recht sichere Sache. Ich mochte dieses Bild nie richtig leiden, ich fand es furchtbar, vor allem, weil es nach meiner Meinung nichts in einem Wohnzimmer zu suchen hatte.

Aber wo sonst hätte Lotte es denn hinhängen sollen?

Wenn sich die beiden zur Nachtruhe hinlegten, schlief mein Vater immer an der Wand, direkt unter dem Riesenbild. Wieso er sich nicht schon hinlegte, wie er es sonst eigentlich immer getan hatte, konnte er später nicht sagen. Aber: plötzlich stand in der Tür eine schwarz vermummte Gestalt, habe reingeguckt und ihn mit einem knöchernen Finger zu sich gelockt.

Mit einem Mal habe er ‚Gevatter Hein’ erkannt, konnte sich aber nicht bewegen, nur mit dem Kopf schütteln. Als sich die Figur auflöste, gab es einen dumpfen Schlag und Glas zersplitterte.

Mein Vater erwachte aus seinem Minutenschlaf und Lotte kam lamentierend in das Zimmer. Beide standen da wie angenagelt und blickten in Richtung Sofa. Das Bild war heruntergefallen, der Rahmen zerbrochen und die Glasscheibe war in Tausend kleine Scherben zerborsten. Hätte sich mein Vater – wie er es gewohnt war – schon zum Schlafen hingelegt, das Bild hätte ihn zumindest schwer verletzen können. Das Hanfseil war an der Aufhängung durchgescheuert und deshalb gerissen. Passieren konnte dies wohl deshalb, weil damals durch die Straße noch die „Elektrische“ fuhr, sagen wir eher ‚rumpelte’ und die Mauern unbemerkt vibrierten.

Die Stelle, an der das Bild hing, konnte man auf der Tapete noch etliche Monate später ausmachen. Mein Vater beeilte sich aber, das Wohnzimmer zu renovieren.

Über dem Sofa wurde jedoch nie mehr ein Bild aufgehängt.

Über den Autor

Fritz Schukat

Jahrgang 1935
Prüfdienstleiter

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