Das alte Grammophon

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Als wir im Sommer 1945 aus der Neumark, wo wir seit 1943 evakuiert waren, nach Berlin-Neukölln zurückkehrten, war das Haus, in dem wir gewohnt hatten, total ausgebombt, nur noch die Fassade stand und deshalb konnte man das erst sehen, wenn man unmittelbar davor stand. Nach acht Tagen Irrfahrt  durch den Südostflügel der Mark Brandenburg über Frankfurt/Oder standen wir entgeistert vor dem Nichts.

Ganz in der Nähe wohnten unsere Großeltern, bei denen wir in unserer Not klingelten. Die Portiersfrau setzte sich sofort für uns ein und wir konnten für‘s erste im ehemaligen Luftschutzraum unterkommen. Dort standen noch Pritschen aus Kriegstagen und wir fanden auch noch Decken, so dass wir dort übernachten konnten. Die Hilfsbereitschaft war groß und nach ein paar Tagen erreichte die Portiersfrau, dass wir in einer zu der Zeit nicht bewohnten Wohnung im ersten Stock ein Zimmer zugeteilt bekamen und auch Küche und Bad benutzen durften. Der Platz reichte aber nur für unsere Mutter und meine beiden Schwestern, deshalb nahmen mich die Großeltern zu sich.

Das Familienleben spielte sich oben, im zweiten Stockwerk bei den Groß-eltern ab, und weil Großmutter auch in Notzeiten eine brillante Köchin war, fanden sich zur Mittagszeit noch ein paar männliche Nachbarn ein, die dann mit am Mittagstisch saßen.

Nachdem unsere Mutter 1947 offene Tbc bekam und im Juni verstarb, weil sie medikamentös nicht richtig versorgt werden konnte, nahmen unsere Großeltern auch noch meine Schwestern auf, so dass wir fortan eine komplette Familie aus zwei  Generationen waren. In Notzeiten klappt so etwas.

Die ältere Schwester bekam nach ihrer Schulausbildung 1951/52 eine Stelle im Büro einer Zigarettenfabrik und die jüngere lernte bereits mit 13 Jahren auf Schneiderin. Also war Fritzchen nach der Schule mit der Großmutter allein zu Haus, denn Opa war meistens im Park oder im Lokal an der Ecke und spielte mit Freunden Skat.

Meine Freizeit verbrachte ich allerdings nicht nur zu Hause in den 4 Wänden, ich war unten und spielte mit Freunden Schlagball oder Völkerball später machten wir auch Musik und irgendwann lernte ich auch Skat.

Bei den Großeltern war immer etwas los und Besuch gab es häufig, so dass es nie langweilig wurde. Auch wenn wir Gören uns „wie zu Haus“ fühlten, bei den Großeltern gab es einiges zu entdecken, aber da musste man sich schon vorsehen, um nicht aufzufallen.

Im Küchentisch gab es drei Schubfächer, in denen alle Kinder, die zu Besuch kamen, gerne herumwühlten. Aber in den verschiedenen Schränken, z.B. in „Großmutters Schrank“ gab es Geheimfächer. Der Schrank gehörte einst der Mutter unseres Großvaters, den mein Vater mit seinem Bruder in den späten 1920er Jahren aus Ostpreußen nach Berlin brachten. Das war nach heutigen Begriffen eigentlich ein Schmuckstück mit eingebautem Sekretär und Schub-kastenteil, in dem wahnsinnig interessante Dinge zu finden waren, u.a. Ge-burtsurkunden von Vorfahren zum Zwecke des arischen Nachweises, den man im Dritten Reich führen musste. Dieser Schrank war quasi ohne Nägel gebaut, also ein uraltes Stück, für das Sammler heute hohe Preise zahlen würden. Aber er ist in den 1960er Jahren, als meine kleine Schwester mit Ehemann nach dem Tod des Großvaters die Wohnung übernahmen, einfach zerschlagen und verheizt worden! Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, aber den Begriff „Nostalgie“ gab es damals noch nicht und deshalb heulte dem niemand eine Träne nach.

Auch der Kleiderschrank war – aus heutiger Sicht – eine Rarität. Er war ganz einfach gebaut: zwei Flügeltüren, gedrechselter Kopfaufsatz und fertig. Innen eine Hutablage und eine Stange, um die Kleiderbügel aufzuhängen. Die Türen reichten aber nicht bis auf den Boden, dadurch entstand ein wannen-ähnliches Bodenbehältnis, in dem Dinge offenbar schon seit undenklichen Zeiten lagerten. Wir fanden alte Fotoalben mit Aufnahmen aus den Anfängen der Porträtfotografie so um 1900 und alte Schellack-Schallplatten, die z.T. auch schon zerkratzt waren, weil sie oft abgespielt wurden. Und wo war das Grammophon? Es stand auf dem Kleiderschrank. Jahrelang hatte sich kein Mensch um diesen Apparat gekümmert. Wir baten um Erlaubnis, das Ding herunterzuholen und zu versuchen, ob es noch funktioniere und – es tat uns den Gefallen!

Das war ein etwa 40x40x15 cm großer Holzkasten, der lediglich gebeizt war. Inwendig befand sich ein Federwerk, das mit einer fest installierten Kurbel aufgezogen wurde. Das Federwerk bewegte einen Plattenteller in gleich-mäßiger Geschwindigkeit mit 78 Umdrehungen pro Minute, so dass man die Schallplatten abhören konnte. Am Tonarm gab es eine Vorrichtung, wo man eine Nadel einspannen konnte. Auf wundersame akustische Art wurde der erzeugte Ton durch den hohlen Arm in einen Trichter geleitet, der ihn wie ein Megaphon verstärkte, so dass man ihn in einem normalen Wohnraum satt hören konnte.

Die Schallplatten waren alle etwa aus den 1920er Jahren, so alt muss auch das Grammophon gewesen sein, so richtige Erinnerungen hatten die Groß-eltern jedoch nicht mehr. Aber sie hatten ja vier Kinder, die alle um diese Zeit noch bei ihnen lebten und Freunde mitbrachten. Ich bin mir sicher, dass die damals auch Remidemi gemacht haben und dabei ist bestimmt auch das Grammophon zum Einsatz gekommen.

Die meisten Aufnahmen waren technisch nicht so vollkommen, wie wir das damals schon aus dem Radio gewöhnt waren, aber einige Lieder kannten wir und sangen auch gerne mit. Ich erinnere mich allerdings an eine Aufnahme, die unserer Großmutter sichtlich peinlich war. Der Titel dieses Tangos war „Leila“ und der Text für damalige Begriffe offenbar etwas zu glitschig. Denn-noch sang Oma mit, ermahnte uns jedoch, ihn nicht bei anderer Gelegenheit vorzutragen.

Leila war offenbar ein Freudenmädchen, das bei dem Sänger Gelüste aus-löste. Den Text habe ich im Internet gefunden, jetzt sind Sie als Leser dran, zu urteilen, ob das zu pikant ist:

Leila, nur die eine Nacht erwähle mich,
küsse mich und quäle mich,
denn ich liebe nur Dich,
oh Leila.

(Gesprochener Text:)
Stellen Sie sich vor, meine Damen und Herren,
ein Legionär lief einen ganzen Tag

in die brennende Sonne
durch den heißen Sand der Wüste,
gequält von Hunger und Durst,
aber stur hält er durch,
denn in Algier dort in dem Frauenhaus

befindet sich die Frau seiner Träume:
Leila.

(Gesang:)
In der magisch hellen Tropennacht
vor dem Frauenhaus in Algier
hat ein dunkles Auge angelacht
den armen bleichen Legionär

Und das Auge hat ihn toll gemacht,
vor dem Frauenhaus in Algier
und es klingt ein heißes Liebeslied
sterbend, müd und weich.
Leila, heute Nacht muss ich Dich wiederseh’n,
Leila, Deine schlank gebauten Glieder seh’n.

Oh Leila,
nur die eine Nacht erwähle mich,
küsse mich und quäle mich,
denn ich liebe nur Dich,

oh Leila.

Na gut, ganz stubenrein ist er ja nicht, dieser Text, aber aus heutiger Sicht … also, da sind wir andere Kaliber gewöhnt. Das reißt keinen mehr vom Hocker.

Ich bin ein alter Sammler und bedauere, dass die Schätzchen von damals einfach weggeworfen wurden, weil die Leute nur noch nach vorne schauten, die Vergangenheit wollte man loswerden. Wenn ich etwas Altes bekommen kann, greife ich zu, irgendwann kann man damit vielleicht jemanden eine Freude machen. Einmal fragte mich jemand: Was sammelst Du eigentlich nicht? Eine vernünftige Antwort darauf konnte ich nicht geben!

aufgeschrieben am 08.07.2018

Wohnstube der Großeltern mit Großmutters Schrank

Über den Autor

Fritz Schukat

Jahrgang 1935
Prüfdienstleiter

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