Dagobert

D

Als im Jahre 1951 das erste Micky-Maus-Heft in Deutsch heraus-kam, kaufte ich mir fortan die neuen Ausgaben und sammelte sie in einem Schrank, der auf unserem Korridor stand. Dort hatte ich zwei Fächer für mich, die anderen Fächer belegten meine Schwestern mit allerlei Dingen, die mich nicht interessierten. Damals begann wohl meine Sammlerleidenschaft, die ich bis heute noch nicht gänz-lich abgelegt habe: als bekennender BILD-Leser sammle ich olle Ausgaben mit echten Schlagzeilen, wie z.B. „WIR SIND PAPST“ oder „Horst… weg!“ als Köhler hinschmiss oder „LENA, wir lieben Dich!“, als sie in Oslo den Singsang gewann. Das sind natürlich nur einige, noch mehr aufzuzählen wäre langweilig.

Nun, die Micky-Maus-Hefte sind Geschichte. Wie und wann sie ab-handen gekommen sind, weiß ich nicht mehr, nur dass für die Num-mer 1 heute Rekord-Preise gezahlt werden, aber das ist auch unin-teressant. Woran ich mich aber mit nachhaltiger Freude noch gerne erinnere, ist die gekonnte deutsche Übersetzung der Texte, da ich zuvor schon viele englische Aus-gaben gelesen hatte. Den Namen des superreichen Onkel von Donald Duck, seinen Onkel Dagobert, assoziierte ich sogleich mit einer ganz anderen Geschichte, die etwa 10 Jahre früher begann, als wir noch eine heile Familie waren und wir Kinder von dem Krieg, der vor einem guten Jahr angefan-gen hatte, nichts ahnten.

Wir waren gerade umgezogen von einer kleinen Hinterhauswoh-nung mit Außenklo in eine große Wohnung im vierten Stock einer der typischen Berliner Mietskasernen mit einem ellenlangen Korri-dor, Innentoilette und 2 großen Zimmern, von denen man auf den Balkon gehen konnte. Wir hatten von dort sogar einen herrlichen Weitblick, weil auf der gegenüberliegenden Seite keine Häuser standen. Dort gab es eine Kleingartenkolonie über die der Blick bis zur katholischen und evangelischen Kirche reichte, deren Glocken uns jeden morgen weckten.

Wann und auf welchen Umwegen Dagobert zu uns kam, daran erin-nere ich mich nicht zuverlässig. Dagobert war ein Albino-Kanin-chen, schneeweißes Fell mit blutroten Augen. Es war sicher schon ausgewachsen und hoppelte langsam in der Wohnung umher, überall diese kleinen Kügelchen hinterlassend. Fast zwei Jahre spielten wir mit Dagobert. Zum Schlafen kam er in eine Tonne, die auf dem Balkon stand, die er aber nicht selber verlassen konnte.

Im Sommer 1943 wurden wir evakuiert, weil die Bombardierung der großen Städte für die Zivilbevölkerung zu gefährlich wurde. Wir konnten bei entfernten Verwandten unserer Großmutter in der Neumark unterkommen, die dort einen mittleren Bauernhof bewirt-schafteten. Da gab es nicht nur Kühe, Pferde und Schweine sondern auch Kleintiere, Geflügel und Kaninchen. Unser Dagobert wurde mitgenommen und wurde auf dem Bauernhof zu den ande-ren Häs’chen gesteckt. Verwechslungsgefahr bestand nicht, denn es gab keinen anderen Albino!

Wir haben uns natürlich um unseren Dagobert gekümmert, merkten bald, dass er sich in dem doch recht großen Stall wohl fühlte. Eines Tages erklärte uns der Bauer, dass unser Kaninchen schwanger sei und bald kleine Häs-chen gebären würde! Das wollten wir eigentlich nicht glauben, denn bis zu diesem Tag nahmen wir an, dass unser Dagobert ein Rammler sei, also ein Männchen! Und es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis sich unsere Dagobertine eine Kuhle baute und schließlich über Nacht ihren Nachwuchs bekam. Das muss so Anfang 1944 gewesen sein. Ob der Nachwuchs auf-gezogen wurde, weiß ich nicht, denn es gab Vorschriften, wie viele Kleintiere ein Bauer halten durfte. Vielleicht sind die kleinen Woll-knäuel ertränkt worden. Aber auch über das weitere Schicksal un-seres weiblichen Dagoberts weiß ich nichts. Das gesamte Jahr 1944 verlief chaotisch, denn die Flüchtlingstrecks wälzten sich durch unser Dorf und schließlich überrannten uns die Russen be-reits im Januar 1945.

Erst im Juni 1945 durften wir „ausreisen“, aber selbst wenn Dago-bert noch gelebt hätte, hätten wir das Tier nicht wieder mitnehmen können. Und da unser Dagobert keine Ente war, hatte er auch kein Geld, um sich ein schöneres Leben in der alten Heimat einzurich-ten!

aufgeschrieben im Februar 2016

Über den Autor

Fritz Schukat

Jahrgang 1935
Prüfdienstleiter

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