Blitz und Donner und die Jugendherbergen

B

Ottokar, Manfred und ich sind wieder einmal unterwegs. Natürlich mit unseren Fahrrädern. Wir kommen von der Insel Wangerooge. Vor drei Wochen sind wir in unsere Schulferien gestartet. Das Ruhrgebiet ist unser zu Hause.

Die Fahrt in den Norden bedeutet für uns Abenteuer pur. Über Bielefeld, Hoya, Bad Zwischenahn haben wir Carolinensiel angesteuert. Übernachtet wurde jeweils in Jugendherbergen. Wir ließen uns dann nach Wangerooge übersetzen. Eine Woche waren wir auf der Insel.

Die Jugendherberge war ausgebucht, und so mussten wir in einem Großzelt auf Feldbetten übernachten. Zwanzig Schläfer in einem Zelt! Da kam Stimmung auf. Wir haben den Aufenthalt aber dennoch genossen. Wir waren das erste Mal an der Küste und ließen uns die salzige Meerluft um die Nase wehen. Jetzt sind wir auf der Rückfahrt.

Wir fahren nach Emden. Wenn wir schon in Norddeutschland sind, dann wollen wir die größeren Ansiedlungen aufsuchen. Zumindest die, von denen wir in unseren Schulbüchern lesen konnten. Wir fahren parallel zur Küste in westlicher Richtung und passieren Esens und Norden. In Norden haben wir uns die große Radio-Funk-Station angesehen. Die kennen wir aus dem Radio, wenn jedes Jahr die Weihnachtsgrüße an die Seeleute übermittelt werden. Norddeich-Radio ist uns ein Begriff.

Am späten Nachmittag erreichen wir Emden. In der Jugend-herberge finden wir unser Nachtquartier. Gleich in der Nähe ist ein Freibad. Das Wasser soll dort sehr gesund sein. Es ist moorbraun gefärbt. Wir schwimmen einige Bahnen und genießen dazwischen die Ruhepausen. Wir haben auch schon Pläne für morgen. Wir wollen eine Schiffswerft besichtigen.

Am nächsten Tag bitten wir um eine Werksführung bei einer Schiffswerft. Man ist offensichtlich erfreut, dass sich junge Leute für den Beruf des Schiffsbauers interessieren und zeigt uns bereitwillig einen halbfertigen Schiffsneubau. Es ist ein kleines Schiff, ein Küstenmotorschiff. Ein junger Mann – der nicht viel älter ist als wir  – führt uns durch die Werkshalle. Er beantwortet unsere Fragen bereitwillig. Nach einer Stunde verabschieden wir uns. Man kennt uns nicht und ist ausgesprochen freundlich und entgegenkommend mit uns umgegangen. Das beeindruckt unser junges Gemüt.

Über Leer wollen wir nach Bremen. Der Himmel hat sich bezogen. Bei Sonnenaufgang ist der Himmel noch klar gewesen. Wir fahren ruhig und gelassen unserem Ziel entgegen. In der Ferne hören wir ein dumpfes Grummeln, das wir nicht weiter beachten. Wir erfreuen uns an der sauberen Landschaft mit ihren vielen Kanälen. Das kennen wir von zu Hause nicht. Die Luft im Ruhrgebiet ist staubig. Das sind wir gewohnt und denken uns nichts dabei. Es ist eben Heimatluft. Erst wenn man die klare Seeluft atmet, erkennt man, was man nicht hat. Wir freuen uns aber dennoch auf die dreckige Heimatluft. So sind die Menschen aus dem Ruhrgebiet eben.

Es kommt Wind auf. Das kennt jeder Radfahrer. Wind kommt immer von vorne. Am Horizont ziehen dunkle Wolken auf. Gelegentlich blitzt es. Erst viel später hört man den Donner. Schon seit vielen Kilometern fahren wir neben einer Bahntrasse. Durch den starken Wind geraten die Telegrafendrähte in Schwingungen und geben surrende Laute von sich. Das Gewitter kommt direkt auf uns zu. Vor uns türmt sich eine mächtige Gewitterwand auf, hinter uns ist dagegen alles friedlich. Ein Zurück gibt es für uns nicht. Wir treten kräftig in die Pedalen und versuchen einen trockenen Unterstand zu erreichen. Doch da ist nichts, außer Bahndamm, Telegrafenmasten und baumlose Felder. Die Straßenbäume sind als Unterstand nicht geeignet. Das Gewitter ist jetzt genau über uns. Auf Blitz folgt sofort der Donner. Die ersten schweren Regentropfen treffen uns. Danach schüttet es wie aus Kübeln. Im Regenschleier können wir ein Ortsschild erkennen. Da steht LEER drauf. Die Straße macht jetzt einen Bogen nach links. Wir wollen die Bahngleise überqueren. Die Schranken schaukeln und klirren im Gewittersturm. Über uns schwingen die Telefondrähte wild hin und her. Dann kracht es fürchterlich. Der Blitz ist in dem Drahtwirrwarr eingeschlagen. Der anschlie-ßende Donnerschlag und die Luftturbulenzen schmeißen uns von den Rädern. Wir rappeln uns auf. Jetzt heißt es: Fahrrad-schieben. Es ist unmöglich, in dem Unwetter wieder aufzusteigen.

Das Wetter scheint sich mit dem erlebten Donnerschlag all-mählich zu beruhigen. Es wird wieder heller, der Wind lässt nach. Wir drei sehen aus wie begossene Pudel. So fühlen wir uns auch. Dazu kommt noch der Schreck, der uns in den Knochen sitzt. Die nasse Kleidung lässt uns frieren. So können wir nicht weiter-fahren. Wir suchen die Jugendherberge auf. Sie ist ganz in der Nähe unseres Gewitterschlags. Es ist ein ehemaliger Wasser-turm. Hier bleiben wir, obwohl es erst Mittag ist. An eine Weiter-fahrt nach Bremen ist heute nicht mehr zu denken.

Wir erinnern uns gerne an die Übernachtungen in den Jugend-herbergen.

Wir waren damals nur zu Dritt und man hatte uns vom Küchendienst befreit. Wir sind auch immer sehr früh am Morgen aufgebrochen. Es lohnte sich offenbar nicht, das bis dahin angesammelte schmutzige Geschirr zu reinigen. Das müssen dann wohl die größeren Gruppen, die nach uns frühstückten, für uns erledigt haben. Wir waren nur Übernachtungsgäste. Man hatte uns daher keine Hausarbeiten zugemutet.

Über den Autor

Uwe Neveling

Jahrgang 1937
Systemanalytiker

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