Blechdose und Tanne

B

1945 kehrten wir in eine zerbombte Stadt zurück. Wir, das waren meine Mutter und ich. Einen Vater hatte ich nicht mehr, der war 1941 in Russland gefallen. Gefallen, das klingt so als könnte man wieder aufstehen. Konnte er aber nicht. Kopf-schuss! Begraben in Isorai.

Wir kehrten nicht nur in eine zerbombte Stadt zurück, sondern auch in eine halbzerbombte Wohnung. Die Schwester meiner Mutter, meine Tante Mia, hatte während unserer kriegsbe-dingten Abwesenheit unsere Wohnung in der Andreas-Hofer-Straße übernommen. Das war unser Glück. So hatten wir doch wenigstens eine Bleibe. Anderen ging es vergleichsweise viel schlechter.

Wir richteten uns ein und nahmen noch weitere Familien-mitglieder bei uns auf: Oma Jettchen, Opa Heinrich, Tante Maria und Kusine Christa. Allmählich wurde es eng.   

Es war ein kalter harter Winter. In der räumlichen Enge wärmten wir uns gegenseitig. Bevorzugter Aufenthaltsort war die Küche. Sie war recht groß. Ein Küchenherd der Marke Küppersbusch wärmte Raum und Menschen. Kohle war Mangelware. Aber wir hatten Holz. Tante Mia hatte es besorgt. Tante Mia konnte das. Bekanntlich musste damals alles irgend-wie organisiert werden. Sie war unser Organisator. Das Holz wurde sogar in ofenfertigen Scheiten geliefert.

Früh am Morgen wurde eingeheizt. Der Erste, der aufstand, reinigte zunächst den Ofen von den Ascheresten des Vortages, schob zerknülltes Zeitungspapier in das Feuerloch und legte Holzspäne und ein großes Holzscheit auf das Papier. Es war ein Kunstwerk aus Papier und Holz. So wurde es von dem Künstler auch behandelt. Er zündete ein Streichholz an und hielt die Flamme ans Papier. Atemlos beobachtete er, wie die Flamme auf das Papier übersprang, Holzspäne und Holz ergriff. Dabei explodierte das harzhaltige Holz. Das Holz der Tanne neigt nun leider einmal zur Explosion. Für alle anderen war das explodierende Holzstück das Signal zum Aufstehen. Der Küchenherd funktionierte somit dreifach: Kochen, wärmen, wecken.

Man konnte mit dem Tannenholz aber noch mehr machen. Dazu musste es in papierdünne Späne geschnitten werden. Ferner benötigte man eine Blechdose. In die Dose wurden rundum kleine Löcher geschlagen. Durch zwei Löcher am oberen Rand wurde ein langer Draht oder ein Bindfaden gezogen. Draht war besser, der konnte nicht durchbrennen. Denn in die Dose kamen nun die dünnen Holzspäne. Das Holz musste harzhaltig und auch etwas feucht sein. Aber gerade so feucht, dass man es noch anzünden konnte. Es qualmte, krachte und stank fürchterlich, wenn wir mit unseren Qualm-dosen um den Block zogen. Meine Freunde und ich wirbelten die Dosen durch die Luft und sorgten so für den erforderlichen Luftzug. Die Erwachsenen sahen das gar nicht so gerne. Aber das kümmerte uns nicht.

Ist es doch schön, etwas Verbotenes zu tun. Konnten wir doch so den Erwachsenen den Ärger heimzahlen, den sie uns gelegentlich angedeihen ließen.

24. Sep. 2003

Über den Autor

Uwe Neveling

Jahrgang 1937
Systemanalytiker

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