200 Eier in Wasserglas (von Heinz Münchow)

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Ehemalige

Ich komme sofort auf die Überschrift zu sprechen: Es soll wirklich „in“ Wasserglas” heißen. Näheres dazu später.

Nach wieder einmal überstandener Gelbsucht und nach einem Genesungsurlaub hieß es: Beim Ersatztruppenteil in Leipzig melden. Dort las mir ein Hauptmann meine Personalien vor. „Stimmt das alles, Soldat M.?“ – „Jawoll, Herr Hauptmann.” – „Gut, dann warten Sie auf dem Flur!” Wir warteten, inzwischen zu fünft; dann erhielten wir jeder einen “Marschbefehl” mit dem Ziel RHEINBACH (in der Nähe von Euskirchen, in der Eifel). Wir waren zur Waffen-SS versetzt.

Mehrere Tage benötigten wir, um mit der Bahn an unser Ziel zu kommen. Laufend wurde der Bahnbetrieb durch Luftangriffe gestört. Endlich angelangt, hieß es: „Woher kommen Sie denn? Ach, von der Luftwaffe! Man sieht´s an ihrem Haarschnitt” (Es hatte sich eingebürgert, dass man als Angehöriger der Luftwaffe einen längeren Haarschnitt trug als in anderen Waffengattungen.) „Sie gehen heute noch zum Friseur!” Und wir gingen. Der Friseur war auch Soldat, und so nebenbei bediente man sich seiner Spezialkenntnisse und -fähigkeiten. Meine vier Mitleidenden bat ich, zunächst einen Augenblick draußen zu warten. Zu dem Friseur sagte ich ein paar passende Worte: „Bitte fünfmal vorne Hindenburg-Bürste, hinten völlig kahl!” Ja, aber … ?” „Mach’ man, das geht in Ordnung!” – „Na ja.” Und meine vier informierte ich: „Keine Proteste, es ist alles abgesprochen, bitte nur stillhalten!” Fünf Bürstenhaarschnitte verließen den Salon, fünf bereiteten sich auf die an demselben Abend stattfindende Kinovorstellung im Saal des Ortes vor.

Treffen 19 Uhr 55 vor dem Saal. 19 Uhr 58 Einmarsch mit aufgesetzter Uniformmütze ganz nach vorn bis zur ersten Reihe (die ja erfahrungsgemäß meistens für Prominente freigehalten wird), Platz nehmen. Genau um 20:00 Uhr mit Beginn der Wochenschau: “Mützen ab! “Hinter uns ein lautes Stöhnen, man war geblendet!

Und nun: „Das Gewehr über!” Dieses Kommando ertönte am Morgen beim Antreten zum Exerzieren. Man hatte das “Schießgewehr” bei sich und man befolgte dieses Kommando mit erstaunlicher Präzision – bis auf mich! „Treten Sie mal vor! Wer sind Sie denn?” „SS-Mann Münchow.” „Und warum nehmen Sie nicht das Gewehr über?” „Weil ich diesen Gewehrgriff nicht gelernt habe.” – „Woher kommen Sie? Ach ja, von der Luftwaffe! Welchen Gewehrgriff können Sie?” – „Keinen; ich kann nur das Gewehr mit dem Riemen über die Schulter hängen.” Welche Schande für die gesamte Waffen-SS: Meinetwegen ist eine Waffen-SS-Einheit mit “umgehängtem Gewehr” zum Exerzieren ausgerückt! Doch Abhilfe war in Sicht. Da hat sich sogleich ein Spezialist im Offiziersrang von früh bis mittags mit mir beschäftigt, um mir „das Gewehr über!” beizubringen. Er gab sich die größte Mühe, ich ebenfalls; ja, ich wünschte ihm ein Erfolgserlebnis. Leider ist der Erfolg n i c h t  eingetreten. Ich hab’s nicht geschafft. Und so musste die Einheit wiederum das Gewehr umhängen!

Es war dann keine Zeit mehr, sich mit den Gewehrgriffen zu beschäftigen. Plötzlich gehörte ich zum Personal eines Horch-g-Zylinder-Funkwagens. Sender, Empfänger, Antenne auf dem Dach, Stromversorgungseinrichtung, alles vorhanden – und natürlich lachte mein Herz. Ich hielt mich sofort an den Funkgeräten fest – nach kurzer Zeit wusste ich Bescheid. Was mich störte – es war inzwischen Dezember 1944 geworden  – waren die niedrigen Temperaturen in der Natur u n d im Fahrzeug! Es hatte keine schließenden Seitentüren, sondern nur Zeltstoffplanen.

Doch darüber nachzudenken, war müßig. Unser Fahrzeug wurde bei der Ardennen-Offensive eingesetzt. Fahren. Anhalten. Funken. Fahren und funken. Manchmal ganz lange halten und funken. Da hatte ich wieder eine Idee. Ob es zu schaffen war, innerhalb von höchstens fünf Minuten den Sender, den Empfänger, eine Batterie sowie Antennendraht aus dem Fahrzeug aus- und in ein Bauernhaus (neben dem warmen Ofen) einzubauen? Antennendraht aus dem Fenster über den nächsten Baum? –

Ja, es war zu schaffen. Jeder der Mitfahrer hatte seine Aufgabe und es klappte, ebenso bei Wiedereinbau ins Fahrzeug. Das war m e i n Protest gegen die niedrigen Temperaturen.

Und jetzt komme ich auf Wasserglas zu sprechen. Dieses Wasserglas ist kein Trinkglas, sondern eine farblose glibbrige Flüssigkeit. Wie steht es im Bertelsmann-Lexikon 1966?: „Eine wässrige, zähe, farblose Flüssigkeit, kolloide Lösungen von Natrium‑ oder Kaliumsilikat.” Zu damaliger Zeit war es bekannt als Konservierungsmittel für Eier. Wir versuchten, mit unserem Funkwagen immer nur auf guten unbeschädigten Straßen zu fahren. Schlaglöcher mussten wir möglichst vermeiden, denn: Hinten im Auto stand eine Steinkruke gefüllt mit 200 Eiern in Wasserglas! Das war unsere Notverpflegung – für alle Fälle.

Auszug aus seinen Kriegserlebnissen unter dem Titel: Vom Hitlerjungen zum Wanzenkoch

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