1,2,3. Guten Tag

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„1,2,3. Guten Tag!“ sagte der alte Mann zu mir. Er saß vor mir auf einer Bank. Er ergriff meine Hand und drückte sie kräftig. Den festen Händedruck hatte ich nicht erwartet. Er war 83 Jahre alt. Seine Stimme war laut und deutlich. Hinter uns war das Krankenhaus. Es sah renovierungsbedürftig aus. Der Sohn des alten Mannes und Zita, unsere Reiseleiterin, hatten ihn aus dem Krankenbett geholt. Der alte Mann trug eine Trainingshose und ein weißes Hemd, seine Füße steckten in leichten Sportschuhen. In der linken Hand hielt er die Seite mit den Bildkopien von Isorai aus dem Jahre 1941. Der alte Mann kannte sich aus, er nickte zu den Fotos und sprach beschwörend auf uns ein. Wie waren wir hierher gekommen?

Zita, die Reiseleiterin, holte uns um 10:00 Uhr vom Hotel ab. Wir wollten nach Isorai fahren, zu dem Ort, an dem mein Vater am 25. Juni 1941 von einer Granate tödlich getroffen wurde. An gleicher Stelle war auch sein erstes Grab. 46 Soldaten haben damals den Angriff nicht überlebt. Sie gehörten zu einer Vorausabteilung und sahen sich plötzlich einer gegnerischen Übermacht gegenüber. Sie alle wurden zunächst neben der Straße begraben. Ein Jahr später wurde das Gräberfeld aufgelöst. Die Gefallenen haben auf dem Kriegerfriedhof in Kaunas die letzte Ruhestätte gefunden.

Oliver und ich waren am Vortag auf dem Friedhof. Die Kriegsgräberfürsorge hat das Gelände herrichten lassen. In langen Reihen stehen Steinkreuze. Auf ihnen sind auf der Vorderseite und auf der Rückseite die Namen der Gefallenen mit Geburts- und Todesdatum eingemeißelt. Theo fanden wir auf einer Gedenktafel, die im Zentrum des Gräberfeldes steht.

Im Zentrum befindet sich ein großes steinernes Kreuz. An zwei Seiten stehen in einem Halbkreis jeweils drei Gedenktafeln. Die Gedenktafeln enthalten 1400 Namen mit ihren Geburts- und Todesdaten. Beeindruckend sind die hohen Laubbäume und die Grünflächen zwischen den Steinkreuzen. Oliver war an den Steinkreuzen entlang gegangen. Das waren fast alles nur junge Leute, sagte er zu mir, gerade mal 20 Jahre, einige sogar noch jünger. Das machte ihn betroffen.

Nach 20 Kilometern erreichten wir Isorai. Ich habe ein Luftbild von Isorai. Die dort abgebildete schnurgerade Straße ist jetzt eine Autostraße. Das Gräberfeld lag rechts neben der Straße nach Jonava. Allein uns fehlte die Vorstellungskraft, auf dem Gelände, das mit Bäumen und hohen Gräsern bewachsen war, ein ehemaliges Gräberfeld zu erahnen.

Wir fuhren auf die andere Seite der Autostraße in einen Feldweg. Wir kamen zu einem kleinen Bauernhof. Zita wurde initiativ, ergriff meine Bildkopien und startete eine große Befragungsaktion bei den Bewohnern. Die wussten natürlich von nichts und empfahlen uns, einen alten Mann zu befragen, der weiter vorne an der Straße wohnte. Da fuhren wir nun hin. Das Haus befand sich, für uns unsichtbar, hinter einem hohen Holzzaun. Wir fanden einen schmalen Durchgang. Zita ging zum Haus. Oliver und ich betrachteten die Gegend und machten einige Fotos. Nach 15 Minuten kam Zita mit einem jungen Mann zurück. Der alte Mann wäre im Krankenhaus und wir sollten mit seinem Sohn dorthin fahren. Es wären nur 15 Kilometer, also nicht weit. Und der alte Mann wäre auch nicht so krank. Er könnte uns viel erzählen; als junger Mann von 17 Jahren hätte er die Kämpfe miterlebt.

Wir fuhren mit dem Sohn zum Krankenhaus nach Jonava.

Der alte Mann deutete auf unser Auto. Wir sollten einsteigen. Das taten wir. Er stieg mit ein. Auf den Hintersitzen unseres PKWs saßen jetzt 4 Personen, ich saß vorne, bequem neben dem Fahrer. Nach 15 Kilometern erreichten wir wieder Isorai, der Fahrer wendete und stellte den Wagen neben einer Bus-Haltestelle ab. Der alte Mann führte uns eine kleine Böschung hinab auf ein völlig mit Bäumen und Gräsern bewachsenes Gelände. Er zählte mit raumgreifenden Schritten 30 Meter ab. Wenn auf seiner Linie ein Baum stand, umkurvte er ihn und setzte seinen Weg hinter dem Baum fort. Nach 30 Schritten bog er rechtwinklig ab, ging weiter und zählte bis 20. So groß sei das Gelände gewesen, 50 Gräber wären an dieser Stelle gewesen. Die Russen hätten mit Granaten auf die Deutschen geschossen. Um das zu verdeutlichen, schmiss er sich in einen Graben und feuerte andeutungsweise auf die andere Straßenseite. So wäre es gewesen und er hätte das als 17-jähriger beobachtet. Seine Angaben deckten sich mit meinen Informationen.

Es fiel schwer, sich Kampfhandlungen in dieser Gegend vorzustellen. Alles war so friedlich und ruhig. Es war lediglich Vogelgezwitscher zu hören, gelegentlich fuhr ein Auto vorbei. Ich fühlte nichts. Ich fühlte Leere in mir. Es war unwirklich. Sie haben damals sicherlich kein Vogelgezwitscher gehört. Hier fand mein Vater seine erste Ruhestätte. Gerne hätte ich ihn von hier mitgenommen. Ich bin sicher, dass wir uns beide viel gegeben hätten. Ich glaube, dass Oliver so ähnlich fühlte. Ich bin ihm dankbar, dass er mitgekommen ist. Für ihn schien es selbstverständlich zu sein. Es wäre schließlich sein Großvater, sagte er mir.

Wir brachten den alten Mann zu seinem Haus. Sein Sohn wollte ihn später wieder ins Krankenhaus fahren. Ich bedankte mich bei ihm, sagte „atschu“ und wünschte ihm gute Gesundheit. „1,2,3. Guten Tag!“ rief er mir hinterher. Wir fuhren zurück nach Kaunas.

 erstellt am 23.10.2008

Über den Autor

Uwe Neveling

Jahrgang 1937
Systemanalytiker

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